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Macht uns Wellness-Kultur zu schlechteren Freund*innen?

Selbstfürsorge, Wellness-Kultur und Empathie für andere – manchmal sind diese Dinge nur schwerlich voneinander zu trennen. Der individuelle Fokus könnte uns selbst und unseren Beziehungen aber mehr schaden, als vielleicht gedacht.

Nur wenige Monate nach dem Tod meines Vaters im Jahr 2020 beendete eine enge Freundin unsere Freundschaft per DM. „Ich versuche, mich mit Menschen zu umgeben, die meine Ansichten über Wellness und Positivität teilen„, schrieb sie mir, nachdem sie unsere Verabredung abgesagt hatte. Ein paar Wochen zuvor hatte sie mir schon mitgeteilt, dass sie nur noch positive Musik höre und bezog sich auf einige „QAnon“-Instagram-Accounts (QAnon ist eine Verschörungsbewegung aus den USA – und ja, Wellness-Kultur hat ein Verschwörungsproblem). Außerdem weigerte sie sich, über das aktuelle Weltgeschehen zu sprechen, trotz der anhaltenden Pandemie.

Wer keine „good vibes only” ausstrahlt, ist raus

Auch wenn das drastisch ist, war meine Freundin mit ihrem Verhalten nicht allein. Die Kultur der „Selflove” und in letzter Zeit auch Wellness-Trends spielen zunehmend in unseren umgreifenden Individualismus hinein (z.B. auch der „that girl“-Trend auf TikTok, der weniger soziale Kontakte und mehr Sport verherrlicht). Indem das Engagement für Wellness im Mainstream mehr zu einer Art Ideologie wird als zu einem Hobby, sind Konflikte vorprogrammiert. Wellness-Accounts im Internet fordern Menschen auf, sich von Freund*innen zu trennen, die nicht „good vibes only” ausstrahlen. „Alphaweibchen laufen nicht in Rudeln. Sie sind oft allein, halten ihren Kreis klein, wissen um ihre Macht und arbeiten im Stillen“, heißt es in einem viralen TikTok, das Frauen empfiehlt, aus Gründen der Produktivität nur wenige Freund*innen zu haben.

Bild: via NYLON.com

Angeeignet: Der Ursprung von Selfcare

Zuvor waren die Textnachricht-Vorlagen à la „Ich bin an meiner emotionalen Belastungsgrenze“, die nach einem Posting der Aktivistin und Autorin Melissa Fabello 2019 die Runde machten (und dann schnell zum Meme wurde), das Paradebeispiel dafür, wie man Beziehungen zugunsten der Selbstfürsorge zurückstellt. Dabei wurde über die Tatsache hinweggesehen, dass das Selfcare-Movement als radikale Bewegung für Schwarze Frauen von Audre Lorde ins Leben gerufen wurde. Diese schrieb 1988 in ihrer Essaysammlung „A Burst of Light” erstmals über Selbstfürsorge. Die Idee, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, um besser gegen systemische Ungleichheiten vorgehen zu können, wurde von weißen Menschen schnell als Erlaubnis verstanden, sich aus allem herauszuhalten, was schwierig ist – einschließlich Beziehungen. Dies hängt auch mit der Wellness-Industrie im Allgemeinen zusammen, die die Vorstellung aufrechterhält, dass „gesund” zu sein bedeutet, dünn, weiß und able-bodied zu sein.

@chrisgqperry1 Where the ALPHA FEMALES AT?💯❤️🙌🏼 IS THIS YOU⁉️ #fyp #foryou #foryoupage #viral ♬ original sound – Chris GQ Perry

Und dann wäre da noch der umstrittene Artikel in der New York Times mit dem Titel „How to Rearrange Your Post-Pandemic ‚Friendscape’”. Dieser wurde im letzten Sommer veröffentlicht und ermutigte Menschen zunächst dazu, sich von depressiven oder dicken Freunden zu trennen – aus Angst, ebenfalls depressiv oder dick zu werden. Nach Backlash auf US-Twitter wurde der Artikel inzwischen aktualisiert, aber er spiegelte ursprünglich eine schädliche, fettfeindliche Denkweise wider. Als ob es nicht schon brutal genug wäre, dicke Freunde wegen ihres Gewichts aus dem Leben zu schneiden, hat diese Ideologie auch in der realen Welt schädliche Auswirkungen auf diejenigen, die die „Freundschaftsprüfung” nicht überleben. Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 haben dicke Menschen, die sich diskriminiert fühlen, eine kürzere Lebenserwartung als dicke Menschen, die dies nicht tun.

Tauschhandel: Sind soziale Beziehungen ein Geschäft?

Bobo Matjila, Online-Philosophin und Co-Moderatorin des Podcasts Bobo and Flex, sagt, sie habe „fast alle” ihrer Freunde verloren, weil sie unter chronischen Depressionen leidet. Sie glaubt aber nicht, dass dies immer der Fall sein muss. „Es ist sehr gut möglich, jemanden zu unterstützen, dem*der es psychisch nicht gut geht, und sich gleichzeitig um seine eigene psychische Gesundheit zu kümmern – wenn man Grenzen setzt und sie kommuniziert“, sagt Bobo. Das mag in der Praxis für jede Person anders aussehen. Manchmal aber könnte schon eine simpler Moment reichen, in dem ein*e Freund*in euch wissen lässt, dass es ihm*ihr gut geht – auch wenn er*sie gerade nicht in Stimmung ist, zu reden. Matjila findet, dass das Ausschließen von Freund*innen in Not nicht nur auf eine „geschäftliche” Sichtweise von Beziehungen hindeutet. Hinzu käme, dass diese diese Haltung auch elitär sei, „in einer Welt, in der Ressourcen für psychische Gesundheit nur für diejenigen reserviert sind, die sie sich leisten können.“ Auf wen sollen sich diejenigen, die keine Ressourcen haben, verlassen?

„Eine der Folgen der Wellness-Kultur ist die falsche Vorstellung, dass Beziehungen ein ständiger Strom von ,guten Gefühlen‘ sein sollten”. – Bobo Matjila, Online-Philosphin und Podcasterin

Ohne Gemeinschaft kein individuelles Wohlbefinden

Matjila sieht eine problematische Wellness-Kultur als eine Ableitung des Kults um Individualismus. „Sie räumt dem individuellen Wohlbefinden Vorrang vor dem gemeinschaftlichen Wohlbefinden ein. Das ist ein Paradoxon, denn ohne Gemeinschaft gibt es kein individuelles Wohlbefinden„, behauptet sie. „Eine der Folgen der Wellness-Kultur ist die falsche Vorstellung, dass Beziehungen ein ständiger Strom von ,guten Gefühlen‘ sein sollten. Sobald eine Beziehung auch nur im Entferntesten unangenehm wird, laufen Menschen davon.“

Carl Cederström ist außerordentlicher Professor an der Universität Stockholm und Co-Autor des Buchs „Das Wellness-Syndrom“. Er sagt, dass in einer Zeit, in der wir wie noch so besessen davon sind, unser Leben auf Produktivität zu optimieren, Wellness zu einem Ersatz für Moral geworden ist. „Heutzutage muss man, um als moralisch gut angesehen und behandelt zu werden, zeigen, dass man gesund ist“, erklärt er gegenüber NYLON. „Mit anderen Worten, man muss ins Fitnessstudio gehen und zeigen, dass man positiv denkt.“

„Es zeugt von Mangel an Empathie, wenn jemand mit einem wünschenswerten Körpertyp jemanden mit einem unerwünschten Körper in einer strafenden Gesellschaft als Bedrohung für den eigenen persönlichen Fortschritt ansieht.” – Carl Cederström, Professor an der Universität Stockholm und Autor

Führt Wellness-Kultur zu Mangel an Empathie?

Sich von Freund*innen oder Familienmitgliedern zu distanzieren, die uns psychisch schaden, ist eine Sache. Cederström aber ist der Meinung, dass die derzeitige Herangehensweise an Freundschaften durch die Brille der toxischen Wellness-Ideologie einen Mangel an Empathie für Menschen in unserem Umfeld verursacht. „Es zeugt von Mangel an Empathie, wenn jemand mit einem wünschenswerten Körpertyp jemanden mit einem unerwünschten Körper in einer strafenden Gesellschaft als Bedrohung für den eigenen persönlichen Fortschritt ansieht“, sagt er. Mit anderen Worten: Wer sich nur mit anderen privilegierten Menschen zusammentut, ist auf dem todsicheren Weg, abgeschottet zu bleiben und die eigene Eitelkeit zu nähren. „Es ist individualistisch, aber auch getrieben von Wettbewerb.”

Wie du mir, so ich dir – oder?

Es wäre unmöglich, nicht die Rolle zu erwähnen, die die kapitalistische Gesellschaft beim Niedergang moderner Freundschaften spielt. Abgesehen davon, dass eine kapitalistische Mentalität den Individualismus fördert und uns allen nur wenig Zeit außerhalb der Arbeit lässt, ermutigt sie uns, Beziehungen als Warenaustausch zu betrachten. In seinem Buch „Friendship: Development, Ecology, and Evolution of a Relationship” argumentiert der Anthropologe Dan Hruschka, dass menschliche Freundschaft nicht auf Gegenseitigkeit beruhen kann, sondern auf individuellen Bedürfnissen beruhen muss (die von den jeweiligen Umständen abhängen). Dazu gehört, dass man den Menschen, die man liebt, etwas gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Die Forschung zeigt, dass das Streben nach Verbundenheit und Gemeinschaft für die kollektive psychische Gesundheit förderlicher ist. Tatsächlich zeigte eine Studie aus dem Jahr 2017, dass der zunehmende Individualismus in der Gesellschaft negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hat. Trotzdem will uns die Wellness-Industrie weiterhin weismachen, dass wir einander nicht brauchen, solange wir unsere grünen Säfte und Gewichte haben. Der globale Wellness-Markt wurde 2018 auf 4,5 Billionen US-Dollar geschätzt (heute ca. 4 Milliarden Euro) und ist damit mehr als halb so groß wie die gesamte globale Gesundheitswirtschaft.

Cederström bezeichnet dieses Problem als „Wellness-Syndrom“. Er glaubt, dass unser Fokus auf Selbstfürsorge gegen uns arbeitet, was dazu führt, dass wir uns schlechter fühlen und uns schließlich zurückziehen. Um die wahren Auswirkungen zu testen, verbrachten er und sein Co-Autor André Spicer für ihr Buch „Desperately Seeking Self-Improvement” ein Jahr im Inneren der Optimierungsbewegung.

Von der Einnahme leistungssteigernder Medikamente über das Ausprobieren verschiedener Arbeitsmethoden bis hin zur Teilnahme an einem Gewichthebewettbewerb – Cederström sagt, dass seine eigene Beziehung zu Spicer während des Jahres, in dem er sich mit Mainstream-Wellnessmethoden beschäftigte, in die Brüche ging. „Mehr als alles andere wird die Beziehung, die man durch diese Methoden zu sich selbst entwickelt, zu einem sehr narzisstischen und egoistischen Streben nach Verbesserung„, sagt er. „Und durch diese sehr masochistische Art, sich selbst zu behandeln und mit sich selbst in Beziehung zu treten, trennt einen diese Besessenheit von anderen. Man erschafft eine ,perfekte‘ Version von sich selbst, die aber nicht gut für Beziehungen ist.

Wahre Gesundheit ist kollektiv

Da wir ständig ermutigt werden, uns selbst als unendliche Projekte zur Selbstverbesserung zu betrachten und jede*n auszusondern, der*die nicht „auf unser Niveau” kommt, müssen wir uns fragen: zu welchem Preis? Die Pandemie hat uns vielleicht wie nie zuvor physisch von unseren Gemeinschaften getrennt. Sie hat uns aber auch gelehrt, dass man wahre Gesundheit und Wohlbefinden nicht allein erreichen kann.

Die Aufrechterhaltung einer schädlichen Wellness-Ideologie schließt Menschen mit dicken Körpern, behinderte Menschen oder Menschen mit psychischen Problemen aus und dämonisiert sie. Sie sorgt dafür, dass Wellness nur für eine kleine Elite zugänglich ist, die Zugang zu den neuesten Behandlungen, Therapien, gesunder Ernährung, Fitnessstudios hat. Und genügend Zeit hat, um sich überhaupt damit zu beschäftigen. Im Gegensatz dazu erkennt ein gemeinschaftsorientierter Wellness-Ansatz an, dass wahre Gesundheit kollektiv ist. „Selbstliebe kann nur in gesunder Gesellschaft und Gemeinschaft entstehen“, sagt Podcasterin Bobo Matjila. „Wenn wir alle verstehen würden, dass es uns nur gut gehen kann, wenn wir uns umeinander kümmern, wären wir viel bessere Freund*innen füreinander.

Text: Laura Pitcher. Es wurden Änderungen vorgenommen. // Titelbild via NYLON.com

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