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Filmkritik: Wie gut ist „House of Gucci”?

Lacher zulassen, Weinen auch, nachdenklich stimmen, anspruchsvoll und geschichtsgetreu sein und doch Hollywood-dramatisch – den Erwartungen zufolge muss der Film „House of Gucci“ vieles können. Was davon schafft er tatsächlich? Wir haben uns die 157 Minuten angesehen. Achtung: Dieser Text enthält einige Spoiler!

Es gibt eine Szene in „House of Gucci”  von Ridley Scott, da stolpert die Hauptfigur Patrizia Reggiani durch eine Tür und stützt sich auf einen Billardtisch. Verzweiflung und Nervosität stehen ihr ins Gesicht geschrieben, schließlich durchsucht die Polizei gerade ihre Villa in Mailand. Darum, dass Patrizia ihren Ehemann Maurizio Gucci durch einen Auftragsmörder hat erschießen lassen, geht es an dieser Stelle allerdings noch nicht. Es ist dennoch eine der Szenen, in denen Reggiani die Kontrolle verliert, über sich selbst und über ihr Umfeld. Das passiert nicht häufig in der ersten Hälfte dieses Films. Eine, die für keine der insgesamt 157 Minuten die Kontrolle verliert, ist Hauptdarstellerin Lady Gaga. Sie gibt Reggianis Freude, Verzweiflung, Ehrgeiz und Ärger durchweg ihr Gesicht.

All Eyes on Gaga

Bekäme Lady Gaga ein Arbeitszeugnis für diesen Film ausgestellt, ihr Engagement würde wohl mit lobenden Worten ausgezeichnet. Kaum eine*r ihre*r Kolleg*innen gibt sich so viel Mühe, präsent in der Figur zu bleiben. Natürlich gibt es einzelne Szenen, da übertanzt Gagas eigene innere Bühnendiva die Figur der Reggiani. Für den Rest aber ist sie in der Rolle der Tochter eines Lastwagen-Unternehmers, die den Gucci-Erben Maurizio anflirtet, heiratet und nach 20 Jahren Ehe erschießen lässt. Zu Gagas Präsenz zählen auch einige Szenen, die der millionengeklickte Trailer schon hätte vorweg nehmen können, wie es mit viralen Zitate à la „Father, Son and House of Gucci” der Fall war. Genau diese viralen Szenen fallen im Film wiederum nicht sonderlich bedeutsam auf. Weniger dramatisch macht das die Story(line) nicht. Natürlich nicht.

Vom „Traumpaar” zur tödlichen Trennung

Über zwei Stunden lang begleiten Zuschauer*innen Patrizia und Maurizio Gucci und ihre Familie in einer schemahaften Traumstory des Kapitalismus. Aus dem Bauwagen von Patrizias Vater geht es in den Palast von Maurizios Familie; natürlich will sein Vater die Braut aus niederem Stand erst einmal nicht akzeptieren. Klappt dann doch recht schnell, aber trotzdem wird das verliebte Duo aus wilden Sexszenen und Candlelight-Bädern im Filmverlauf zu einem Ehepaar, das sich beim Abschied in Pelzmänteln nichts mehr zu sagen hat (das ist die zweite Szene, in der wir Patrizia Reggiani wirklich verzweifeln sehen). Am Ende – so die wahre Geschichte, beschrieben in der unautorisierten Buchvorlage von Sara Gay Forden – wird Maurizio Gucci von einem Auftragsmörder am 27. März 1995 erschossen. Patrizia Reggiani zieht mit den zwei Töchtern zurück in den Gucci-Palast, schmeißt Maurizios Geliebte raus, schließt die Tür hinter sich buchstäblich, aber auch erkennbar metaphorisch. Zwei Jahre später – im Film sehen wir das nur kurz – muss sie sie wieder öffnen, noch einmal für die Polizei. Patrizia Reggiani wird zu 29 Jahren Haft verurteilt, zusammen mit dem Auftragsmörder und zwei Kompliz*innen.

Bilder: © 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. via UPI Media

„Dolce Vita“ auf Turbostufe

In einer langen ersten Hälfte zeigt der Film aber erst einmal das Leben, das sich Patrizia und Maurizio aufgebaut haben. Man könnte hier statt Leben auch nur noch „Dolce Vita“ schreiben, denn wie erwartet trägt „House of Gucci” maximal dick auf in Sachen klischeehafter italienischer Lifestyle. Um die Frage, ob dieser Film aus italienischem Luxusleben eine Farce macht wie „Emily in Paris” aus Frankreich-Klischees und ob das nun schrecklich oder kalkulierter Trash ist, soll es hier aber nicht gehen. Ebenso wenig um die Debatte zu den italienischen Akzenten der englischen Originalfassung. Zuschauer*innen der deutschsprachigen Synchronfassung dürften die wenig interessieren.

„Vielleicht liegt es an der ruhigen Natur Maurizios, dass wir so manche Entwicklungsprozesse seiner Figur verpassen. Wann genau entscheidet er, (…) vom beeinflussbaren Tollpatsch zum Business-Mann zu werden, der seine Privilegien urplötzlich für sich selbst auszunutzen weiß? Es könnte diese Verwunderung sein, die Patrizia an ihm verzweifeln lässt. Aber auch für sie bleibt – bei aller Präzision von Gaga – am Ende von „House of Gucci” offen, welchen Eindruck Zuschauer*innen mit nach Hause nehmen.”

Unterhaltung vs. Comedy: Jared Leto und Salma Hayek in den Nebenrollen

An dieser Stelle vielleicht deshalb etwas zu den weiteren großen Namen des Films: Die berühmte Besetzung scheint so absurd wie die wahre Geschichte selbst. Zu Beginn heißt es, der Film sei nur „inspiriert“ von den wahren Begebenheiten. Das Casting macht daraus eine soweit morbid-amüsante Angelegenheit, wie es die individuellen Abgründe einer selbstzerstörerischen Familiendynastie eben sein können. Auch jüngere Zuschauer*innen dürften entertaint werden von einem Al Pacino, der seine großväterliche Rolle als Markenchef Aldo Gucci zwar mit halb so viel Anstrengung spielen darf wie Lady Gaga, dafür aber trotzdem zu den Besten des Films gehört. Warum ausgerechnet Salma Hayek Reggianis Komplizin spielt, die skurrile Wahrsagerin Pina Auriemma, bleibt ebenso fraglich wie die Besetzung von Jared Leto als Designer Paolo Gucci. Hinter den Kulissen mag es dafür viele Gründe geben, von der Liebe des heutigen Gucci-Imperiums zu Leto, Namedropping bis hin zu Letos Ruf als überambitionierter Method-Actor. Besonders er und Gaga machten diesen Film immerhin besonders „camp”, heißt es in anderen Reviews. All diese Gründe sind aber völlig egal, denn wie die meisten Figuren des Films profitieren sowohl Hayeks als auch Letos Rollen davon, dass ihre realen Vorlagen nicht mehr sonderlich bekannt sind. Es bleibt unklar, ob ihre Gesichtsausdrücke und schiefen Sprüche Karikaturen sein sollen oder realistische Darstellungen, aber sie bleiben unterhaltsam.

Bilder: © 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. via UPI Media

Wer ist Patrizia Reggiani, oder: Wer soll sie sein?

Der Einzige, der nicht wirklich aus dem Schatten hervortritt, ist Adam Driver als Maurizio Gucci, was seine Performance nicht schlecht macht. Vielleicht liegt es eher an der vergleichsweise ruhigen Natur Maurizios, dass Mensch so manche Entwicklungsprozesse seiner Figur verpasst. Wann genau entscheidet er, sich von Patrizia scheiden zu lassen und vom beeinflussbaren Tollpatsch zum Business-Hai zu werden, der seine Privilegien plötzlich für sich auszunutzen weiß? Es könnte diese Verwunderung sein, die Patrizia an ihm verzweifeln lässt. Aber auch für sie bleibt – bei aller Präzision Gagas – am Ende offen, welchen Eindruck Zuschauer*innen mit nach Hause nehmen. Pressen wir Patrizia in Klischees, oder erlauben wir ihr Komplexität? Soll sie die eifersüchtige Ehefrau sein, die den Mann umbringt, weil keine*r außer ihr ihn haben soll? Die Goldgräberin, auf die Kontrolle und das Geld des Gucci-Clans aus? Die ambitionierte Geschäftsperson, gehindert nur durch die sexistischen Machtverhältnisse der Zeit? Alles gleichzeitig oder nichts davon? Warum eigentlich lässt sie ihren Mann töten? Schon die italienische Staatsanwaltschaft nannte in der echten Anklage mehrere Tatmotive für Reggiani, und so tut es indirekt auch dieser Film. Die wahre Familie Gucci – die den Film natürlich aufs Schärfste verurteilt – sieht das klarer. In einem Statement gegenüber dem Magazin Variety kritisierten sie, Reggiani würde als „Opfer” dargestellt, „das versuchte, in einer maskulinen und machohaften Konzernkultur zu überleben”. Sie würden die heute 72-Jährige lieber als Mörderin in Erinnerung wissen, nicht als Figur eventueller Sympathien.

Enttäuschung für Mode-Fans

Wie auch die Guccis werden jene ernüchtert sein, die ein wenig mehr über die Fashion-Geschichte der Marke erfahren wollten. „House of Gucci” soll ein Modefilm sein, „warum aber scheint sich [Regisseur] Ridley Scott nicht im Geringsten für Mode zu interessieren, nicht einmal ein bisschen?“, schreibt eine US-amerikanische Kritikerin. Angerissen wird das Thema an random Punkten der Markengeschichte, zum Beispiel, als Patrizia zum ersten Mal Fakes der Gucci-Taschen entdeckt. An anderer Stelle geht es um eine gescheiterte Modenschau Paolos (Jared Leto). Im letzten Viertel des Films fachsimpeln schließlich die komödiantisch schlecht gespielte Anna Wintour und André Leon Talley mit Maurizio Gucci über seine neue Ausrichtung der Marke, die Designer Tom Ford einleitet (auch der ist leider kein Fan von Film). Vielleicht wäre es möglich gewesen, das Zusammenspiel von Familienintrige, Business-Entscheidungen und Fashion-Schlagkraft der Guccis noch deutlicher zu skizzieren. Aber wie es auch schon der Netflix-Serie „Halston” und so vielen anderen Mode-Biopics vorgeworfen wurde, schafft dieser Film den Drahtseilakt aus geschmackvoller Dokumentation und romantischem Drama nicht wirklich. Dabei ist es von außen natürlich keine falsche, nach Betrachtung des Trailers und der Promo-Strategie aber mindestens eine naive Erwartung, dass dieser Film den Anspruch von allem anderen als Entertainment erfüllt. Hätte Ridley Scott das berücksichtigt, vielleicht würde „House Of Gucci” noch länger dauern als die ambitionierten zweieinhalb Stunden.

„House of Gucci” ist auch was für Sonntage auf der Couch

Am Ende müssen sich diejenigen, die die hier erzählte Geschichte im Kino verpassen, keine Sorgen machen. „House Of Gucci” lässt sich ein erstes oder mehrfaches Mal genauso gut auf der Couch am Sonntagabend schauen, mit parallel geöffneten Wikipedia-Tabs. Dieser Film ist nicht vergleichbar mit realistischen Dokumentationen, die auf Modegeschichte rumdenken. Er ist keine True-Crime-Analyse, über deren Pietät und Taktgefühl groß debattiert werden könnte. Das hier ist keine triefende Romanze, aber auch kein Thriller oder Psycho-Analyse aus der Perspektive einer Mörderin. Ob nun als neuer Camp-Klassiker oder Oscar-Kandidat, den Erwartungen zufolge sollte „House of Gucci“ vieles können: Lacher zulassen, Weinen, nachdenklich stimmen, zum Mitfiebern anregen, anspruchsvoll sein, echt und doch Hollywood-dramatisch. Am Ende kann dieser Film von allem ein bisschen, zusammengefasst aber das, was für ein Werk wie dieses vielleicht gerade am wichtigsten ist: Seine Zuschauer*innen für zweieinhalb Stunden unterhalten.

Titelbild: © 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. via UPI Media

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Robin Micha
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