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Warum Regenbögen nicht genug sind und wieso ihre Transition ihre schönste Reise war, erzählt Trans*-Rights-Aktivistin Lucia im Interview

Im Juni jeden Jahres – dem offiziellen Pride Month – häufen sich die Regenbögen in den Logos großer Firmen. Die Gründerin der „London Trans+ Pride” Lucia Blayke findet, dass Marken damit einen einfachen Weg wählen, Teil der Pride-Bewegung zu sein. Wer die queere Community aber wirklich unterstützen will muss bereit sein, einige Leuten vor den Kopf zu stoßen.

Schwarze Knopfaugen und eine aus dem Mundwinkel hängende Zunge schauen mich bei dem Video-Call mit Lucia Blayke an. „Das ist Marjory und ihre Zunge ist zu lang für ihren Mund”, stellt uns Hunde-Mama Lucia einander lachend vor und erzählt weiter, dass sie noch einen weiteren Chihuahua – Timmy – zu ihrer tierischen Familie zählt. Doch nicht die kleinen Fellknäuel stehen heute im Mittelpunkt, sondern Lucia und ihre Arbeit. Sie ist Trans-Rights-Aktivistin, Gründerin der „London Trans+ Pride” und „Harpies” – dem ersten LGBTQIA+ inklusiven Strip-Club in Europa – und Creative Producer. Ein Jahr, nachdem eine transfeindlich Gruppe die Londoner Pride stürmte, geht Lucia das erst Mal gemeinsam mit anderen trans* Menschen auf die Straße um gegen die Unterdrückung zu protestieren, die sie immer noch in der Gesellschaft erfahren. Für Lucia ist die „Mainstream” Pride-Bewegung von ihrer ursprünglichen Intention abgekommen: „Mit der Trans+ Pride wollten wir die Pride-Bewegung wieder zu dem machen, was sie während der 60er-Jahre nach den Stonewall-Riots war. Damals tanzten die Leute nicht zu Kylie Minogue, tranken und feierten, als ob alles in Ordnung wäre. Es waren Sexarbeiter*innen, marginalisierte Menschen und trans* Frauen of Colour, die wütend waren, Steine warfen und laut waren. Wir wollten zu diesem Gefühl der Revolution zurückkehren.” Trotzdem ist sie in diesem Jahr Teil der Pride-Initiative von Dr. Martens. Im Video-Projekt „Pride Generations” spricht sie mit Lady Phyll über die erste „UK Black Pride” und wie viel Rassismus und Transfeindlichkeit immer noch innerhalb der queeren Community herrscht. Wir haben Lucia im Interview gefragt, wieso sie sich trotz ihrer öffentlichen Kritik an Pinkwashing im Pride Month für die Zusammenarbeit mit Dr. Martens entschieden hat und wie ihr die Idee dazu kam, einen LGBTQIA+ inklusiven Strip-Club zu eröffnen.

Du hast kürzlich einen Instagram-Beitrag mit der Caption „trans sisterhood keeps me going” gepostet. Abgesehen vom gemeinsamen Protestieren und Feiern, was macht für dich ein Gemeinschaftsgefühl im Alltag aus?
Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem trans* Menschen ohne die Vorurteile, Gefahren und Unsicherheiten der Außenwelt zusammenkommen können, sich dort gegenseitig unterstützen und Erfahrungen teilen. Es ist schwierig, in dieser transphoben Welt zu leben. Besonders trans* Frauen scheinen der allgemeine Sündenbock für alles zu sein, was in der Welt falsch läuft. Es ist manchmal schwer, mit cis Freund*innen und Familienmitgliedern darüber zu reden. Manchmal muss man mit einer anderen trans* Frau sprechen, weil sie die einzige Person ist, die einen versteht. Meine Arbeit hat sich immer darauf konzentriert, Real-Life-Räume für trans* Frauen zu schaffen.

Du bist die Initiatorin der Trans+ Pride in London. Ich habe gelesen, dass deine Veranstaltungen ein Akt des Protests gegen die Mainstream Pride sind. Das liegt vermutlich, an dem Rassismus und der Transfeindlichkeit, die innerhalb der queeren Community immer noch vorherrschen. Glaubst du, dass es jemals eine Chance auf „Harmonie” innerhalb queerer Gruppen geben wird?
Es ist absolut bizarr, dass es innerhalb der queeren Gemeinschaft eine Teilung gibt. Queer zu sein bedeutet, sich von den sozialen Normen abzuheben, sich von der „normalen” Gesellschaft abzugrenzen. Warum bringen wir ihre Vorurteile, ihre patriarchalischen Strukturen, ihre Art, marginalisierte Menschen zu unterdrücken, in unsere Community? Ich kann nicht glauben, dass Lesben, Schwule und Bisexuelle jetzt Transgender-Hassgruppen gründen. Wir haben alle gegen denselben Feind gekämpft. Jetzt sind wir innerhalb der Gemeinschaft gespalten und bekämpfen uns gegenseitig. Wenn die cis Hetero-Gesellschaft trans* Menschen erst einmal beseitigt hat, werden sie sich die Schwulen und Lesben wieder vorknöpfen. Jetzt, da Schwule und Lesben heiraten können und in der Lage sind, anständige Jobs zu bekommen, glauben sie, dass sie sicher sind. Und ich möchte, dass sie wissen, dass uns unsere Fortschritte seit Stonewall und unsere Rechte jederzeit wieder weggenommen werden können. Sie haben es sich zu bequem gemacht und wenden sich gegen ihre trans* Brüder und Schwestern.

Pinkwashing ist vor allem im Pride-Monat ein Problem. Was hat dich dazu bewogen, Teil der Dr. Martens-Kampagne zu werden? Was hebt sie für dich von anderen ab?
Dr.Martens hat mir und Lady Phil, die beide zu den Randgruppen der queeren Community gehören, eine Plattform gegeben, um unsere Botschaft in die Welt hinauszutragen. Viele Unternehmen und Organisationen kleben einen Regenbogen auf ihr Logo oder ihre Produkte. Für mich ist ein Regenbogen bedeutungslos. Ich werde immer noch als Mann bezeichnet und angegriffen. Und das, obwohl überall Regenbögen zu sehen sind. Wenn Marken und Organisationen die Pride-Bewegung unterstützen wollen, müssen sie eine Plattform bieten, auf der wichtige Gespräche geführt werden. Ich möchte Lingerie-Kampagnen mit trans* Frauen sehen, die non-passing sind. Trans* Frauen, die Beulen in ihren Unterhosen haben. Ich möchte kontroverse Sachen sehen, Dinge, die die Leute zum Nachdenken bringen. Dr.  Martens scheut sich nicht, einige seiner Kund*innen zu verärgern, wenn es darum geht, für die Rechte von trans* Frauen und gegen Rassismus zu kämpfen. Dr.  Martens war schon immer eng mit der antifaschistischen Bewegung verbunden.

Was siehst du darüber hinaus als wichtige Faktoren für eine sinnvolle Unterstützung an?
Finanzielle Unterstützung ist sehr wichtig. Vor allem für trans* Personen und für queere People of Color. Denn wirtschaftlich gesehen sind wir in der Regel ganz unten angesiedelt. Bei Pride geht es auch darum, dass diese Unternehmen den am meisten marginalisierten Menschen Geld geben, damit sie Zugang zu Wohnraum, Gesundheitsversorgung und grundlegenden Menschenrechten haben. Es geht darum, finanzielle Unterstützung zu bieten und Raum für einen echten humanisierenden Austausch zu schaffen. Regenbögen sind nur ein billiger und einfacher Ausweg. Es ist ein Weg, Teil von Pride zu sein, ohne Leute zu verärgern. Aber wenn man die Pride-Bewegung unterstützen will, muss man darauf vorbereitet sein, einige Leute zu verärgern.

Wenn wir über trans* Menschen sprechen, liegt der Fokus oft zu Recht auf den Gefahren und Bedrohungen, denen ihr im Alltag ausgesetzt seid. Aber es ist auch ein Klischee, queeres Leben ständig mit Trauma zu assoziieren. Was sind einige der stärkeren „positiven” Gefühle, die übersehen werden?
Die Transition ist eine der schönsten Reisen, die man als Mensch machen kann. Man muss wirklich in sein Innerstes schauen und sich fragen: „Wer bin ich?“ Das macht die Transition zu einer wundervollen und spirituellen Erfahrung, weil man mehr mit sich selbst in Einklang kommt, als die meisten Menschen es in ihrem Leben jemals schaffen. Menschen werden in Rollen geboren und sie leben darin, bis sie sterben. Trans* Personen können sich von diesen Rollen befreien und sich auf diese unglaubliche Reise begeben, sich verändern und aufblühen. Die Reise mitzuerleben ist so, als würde man einem Schmetterling dabei zusehen, wie er sich aus seinem Kokon befreit. Das ist etwas, worüber wir mehr sprechen müssen:Dass der Übergang tatsächlich eine einmalige, wunderschöne Reise ist.

Wie kam dir die Idee zu deinem LGBTQIA+ inklusiven Strip-Club „Harpies”? Du hast einfach einen geschaffen, weil es so einen Raum vorher nicht gab?
Absolut! Ich stamme aus einer Familie von Stripper*innen. Meine Schwester kam nach Hause und sagte: „Ich habe 1000 Pfund verdient, nur weil ich mit diesem Typen Champagner getrunken habe. ” Da habe ich gedacht: Ich will auch eine Stripperin sein! Trans* Frauen dürfen absolut nicht in Strip-Clubs strippen, und meine Mutter meinte nur: „Mach deinen eigenen auf.” Jetzt tourt „Harpies ” bald um die Welt und wir haben einen Dokumentarfilm gedreht. Es geht wirklich nur darum, mutig genug zu sein, um das zu schaffen, was man sehen will.

Würdest du sagen, dass deine Familie dich immer unterstützt hat?
Ich stamme aus einem Arbeitermilieu, was bedeutet, dass ich sehr hyper-maskulin war. Als kleines Kind sollte ich boxen, weil meine Familie wollte, dass ich kämpfen und mich verteidigen kann. So musste man Jungen in armen Arbeitervierteln erziehen. Meine Mutter ist die Beste und ich bin ihr wirklich sehr dankbar, aber es war nicht leicht. Ich musste viel Geduld aufbringen und sie über die Rechte von queeren und trans* Menschen aufklären. Niemand kann sich wirklich vor der Familie outen und am nächsten Tag ist alles wieder gut. Ich glaube, es braucht jahrelange Gespräche und Kommunikation.

War deine Mutter schon zu Besuch im Harpies?
Ja, klar! Meine Mutter liebt den Strip-Club. Sie kauft jede Menge Harpies-Dollar, wirft sie herum und lässt es Geld regnen. (lacht)

Du hast schon einmal Songs genannt, zu denen du in deinem Club gerne strippen würdest. Aber gibt es einen Song, der deiner Meinung nach völlig überspielt wurde? Zum Beispiel im Strip-Club?
Der meistgespielte Song ist wahrscheinlich „Pour some Sugar on me“, aber ich beschwere mich nicht. Der wird nie alt!

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Miriam Woelke
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