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Teenie Serien Horror

Der blanke Horror: Wieso werden Teenie-Serien immer düsterer?

Teenie-Serien sind irgendwie düsterer geworden. Kaum ein aktueller Inhalt auf Netflix und Co. hat kein Horror-Element an sich. Bei Titeln wie  „Chilling Adventures of Sabrina“, „Riverdale“, „Stranger Things“, „Black Mirror“, „Tote Mädchen lügen nicht“ und „Dark“, wird’s schwer, für alle, die sich schnell gruseln. Wie kommt dieser Wandel und ist er vielleicht sogar eine direkte Antwort auf unsere Sorgen?

Halluzinationen, epileptische Anfälle, Schüsse, Messerstiche und eine Droge namens „Fizzle Rocks“ – damit beschäftigen sich die Teenies von heute so. Zumindest die aus „Riverdale“. Die Serie, die uns Jughead Jones gebracht hat, ist nur ein Beispiel für den Horror-Trend im Streaming. Weiter in Netflixs Auswahl geht es ähnlich düster zu. Das Remake „Chilling Adventures of Sabrina“ hat sich vom skurrilen und unbeschwerten Humor der originalen Sitcom „Sabrina – Total Verhext!“ weit entfernt. Jetzt geht es vollen Spuk voraus in die Richtung Horror! So sehr, dass einer unser NYLON-Kollegen die zweite Staffel nicht anschauen kann. Will. Sich nicht traut. Wie auch immer. It’s fucking scary, okay?

Den Weg geebnet für den Horror in Teenie-Serien hat „Buffy – Im Bann der Dämonen“, keine Frage. Die Norm war das Jagen von Dämonen in den 2000’ern nicht. Eher dominierten Themen wie Sex, der Kampf mit und vor allem gegen die Eltern, das Erwachsenwerden, natürlich auch die Liebe und eine ganze Menge Alltagsdrama. So auch bei Serien wie „O.C. California“ und „One Tree Hill“. Damals reichten ein paar realistische aber außerhalb des Erfahrungshorizontes eines durchschnittlichen Mittelklasse-Teenagers liegende Handlungsstränge aus, um zu unterhalten. Das Schrecklichste, das Serien wie „One Tree Hill“ und „Degrassi“ zeigten, waren Schießereien an Schulen – nur eben ohne versteckte Türen in andere Welten oder sprechende Katzen.

Wann erhielt der Horror Einzug in das Teenie-Zimmer?

 

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Wann kam der Wandel auf die düstere Seite? Angefangen hat alles mit „Gossip Girl“. Die Storylines sind erstmal nichts Neues. Man kennt sie aus „O.C. California“ und „Beverly Hills 90210“: Teenies aus wohlhabenden Elternhäusern schlafen miteinander, verlieben und streiten sich. Und was macht „Gossip Girl“ jetzt so düster, fragt ihr euch? Na, das Gossip Girl selbst! Als unbekanntes, aber allwissendes und unberechenbares Element überdeckt es die Serie mit einer Art Mystery-Schleier. Geht Chuck Blair fremd, ist nicht mehr nur die Untreue das Brisante, erst die mögliche Gossip-Offenbarung durch den Stalker, aka GG, macht es richtig spannend. Als Zuschauer*in hört man die Stimme aus dem Off in jeder Folge und fragt sich: Wann kommt die nächste, alles verändernde SMS? Excitement-Level 100!

SMS von Unbekannten empfangen auch die vom Stalker „A“ geplagte Clique aus Rosewood. Aber im Gegensatz zum Gossip Girl ist „A“ aus „Pretty Little Liars“ jedoch weitaus bedrohlicher. Immerhin sind eine Menge Menschen verschwunden und gestorben. Wer genau? Keine Ahnung, dafür sind die Geschichten viel zu unrealistisch! Wie soll Charlotte bitte das Puppenhaus selbst allein haben? Wie hat sie eine Nachricht in Hannas Zahn versteckt? So many questions! Aber das ist alles okay so, denn „Pretty Little Liars“ lebt davon, sich dem Realistischen zwar zu bedienen, ihm sich im nächsten Moment aber wieder so weit wie möglich wieder zu entfernen.

Lassen junge Streamer*innen den Film noir wieder aufleben?

 

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Spulen wir mal vor in das mystische Land des Streamings im Jahr 2019 und begrüßen euch herzlich zur Wiedergeburt des Film noir.“ Laut Definition endete die Ära dieses Genres im Jahr 1958 und wird wie folgt beschrieben:

„… der Film noir ist sehr pessimistisch gezeichnet und von düsteren Charakteren geprägt. Dunkle Umgebungen mit kontrastreicher Darstellung der Schatten, sparsame Dialoge und selten hektische Bildführung sowie Rückblenden sind die Besonderheiten dieser oft im Kriminalfilm angesiedelten Filmvariante. Die Handlungen beschränken sich auf Mord oder Verbrechen aus Geldgier oder Eifersucht. Der Held des Films ist unüblicherweise verbittert, korrupt und moralisch angeschlagen. Die Erzählweise erfolgt fast immer aus der Sicht der Hauptfigur.“ Quelle: Film-Genres.de

Und siehe da: „Riverdale“ hat beispielsweise mit Jughead den perfekten, dunklen Erzähler gefunden. Besonders seine Voice-overs sind typische Merkmale des Film noir. Und jeder Charakter ist obsessed mit der Wahrheit – sie entweder zu ver- oder aufzudecken oder sie als Waffe auszunutzen. Hier trifft das fatalistische Element des noir am stärksten. In „Chilling Adventures of Sabrina“ benutzt die Titelfigur ihr eigenes Blut benutzt, um ein Buch zu signieren, das dem buchstäblichen Teufel gehört. Und der ist auch noch hot! Der heiße Satan – mehr popkultureller Spuk geht kaum!

Trotzdem schaffen es diese Shows ins ganze Gegrusel in klassische und für Teenies relevante Themen wie Sex, Gender-Idenity, Drogen, Intrigen und Beziehungsdramen einzubetten und das ist gut so! Ceryls Coming-Out stößt in „Riverdale“ auf wenig tolerante Eltern. Das ist so #relateable, weil es „Gay-Conversion-Camps“ nicht nur in den USA gibt. Auch in Deutschland ist die sogenannte Konversionstherapie noch immer legal, wie das Handelsblatt erst jüngst berichtete. Gemischt werden diese Handlungsstränge mit echten Horror-Elementen: Versteckte Tunnel, aggressive Nonnen und mörderische Onkel sorgen für den Grusel-Faktor im Realistischen. Und das Konzept geht auf, denn Horror ist so beliebt wie nie!

Warum kommt man um Horror-Serien gerade nicht herum?

Quelle: Nofilmschool.com

Serien sind immer auch ein Spiegel der Zeit. Eine popkulturelle Adaption des Zeitgeistes. Deswegen möchte ich folgende Theorie aufstellen: Kann es sein, dass die Popularität des Horror-Genres die Probleme und Ängste unserer Zeit widerspiegelt? Besonders in den USA, Ursprungsland (fast) aller Serien, dreht sich da News-Rad schneller, als Netflix die nächste Folge abspielen kann. Flackernde Bilder von grausamen Schießereien an den Schulen werden gefolgt von denen eines Präsidenten, der sich mehr um den gut fließenden Geldhahn der Waffenlobby schert, als um die jungen Opfer. Addiert man soziale Ungerechtigkeit in jeglicher Form, ein kaputtes Finanzsystem und Klima dazu, bildet sich schnell ein so großer Strudel aus Shit.

Fakt ist: Gen Z ist ganz schön angepisst auf den Status Quo (und Politiker*innen, CEOs, Banken, …), aber sie tun eben auch etwas, statt nur zu Schmollen. Sie demonstrieren gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Ungleichheit und sämtliche weitere Missstände und das in Massen! Im Bundestag stellen sie sich als Zeichen der drohenden Klimakatastrophe tot. Mit der #FridaysForFuture Bewegung setzen sie ein Zeichen dafür, eigentlich erst wieder zur Schule gehen zu wollen, wenn Politiker für eine Zukunft sorgen, für die sich das Lernen auch lohnt. Kurz: Sie sehen dem Satan direkt ins Auge, wie „Sabrina“, die „Pretty Little Liars“ und Co. 

Heute erfordert es von Seiten der Serien-Macher schon eine ganze Menge Anstrengung, damit Inhalte zur Flucht aus dieser Realität werden kann. Dafür ist Entertainment schließlich da: Um in eine Traumwelt einzutauchen – auch wenn diese so traumhaft gar nicht ist. Vielleicht braucht es den Horror, Satan und Paralleluniversen, um ein Abtauchen in eine Dunkelheit zu ermöglichen, die sogar jene übertrifft, in der wir derzeit leben.

Martyna Rieck
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