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Alte Schule statt TikTok-Trend: Sänger Giveon wünscht sich oldschool Fame

Er ist kein Party-Fan, liebt seine Mutter und auf seinem Debütalbum zeigt er sich sehr verletzlich: Als nächstes will Givēon ganz oldschool berühmt werden in Zeiten von TikTok.

Einige Tage vor der Veröffentlichung seines Debütalbums ist Giveon entspannt – fast zu entspannt. Es ist Mittwochnachmittag im späten Juni und wir sitzen in der luftigen, farbenfrohen Lounge des Büros seiner Plattenfirma in Los Angeles, wo die Mitglieder seines Teams an Tischen vor ihren Smartphones hängen. Giveon lehnt sich mit dem Rücken an die Fensterbank und trägt ein sportliches Designer-Outfit – eine Varsity-Jacke kombiniert mit einem Rick Owens-T-Shirt, Distressed-Jeans von Cease and Desist, Balenciaga-Stiefel. Während der gesamten Zeit, in der wir zusammen sind, bewegt er sich kaum. Verglichen mit dem dröhnenden Bariton, den man auf seinen Platten hört, spricht er in überraschend soften Tönen.

 „Ich bin manchmal das genaue Gegenteil von dem, was man sich unter einem R&B-Sänger in seinen Zwanzigern vorstellt”, erzählt mir der als Giveon Evans geborene Künstler. „Wenn jemand eine Party feiert, wäre ich viel lieber im Haus meines dreijährigen Cousins oder so.” Aber da der Release seines Albums „Give or Take” weniger als 48 Stunden entfernt ist, bereitet er sich auf das vor, was danach kommt. „Ich versuche nur, mich zu entspannen und mich auf den Sturm vorzubereiten”, sagt er. „Der schwierige Teil beginnt jetzt, denn es geht wirklich nur darum, die Message zu verbreiten.”

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Prominente Fans und eine Tanz-Challenge aus den Philippinen

Das sollte nicht allzu schwierig sein, wenn man bedenkt, dass uns die Stimme des 27-Jährigen in den letzten zwei Jahren oft begegnet ist, zum Beispiel in schillernden Features auf Justin Biebers „Peaches” und Drakes „Chicago Freestyle”. Seit dem Release seiner ersten Single „Heartbreak Anniversary” wurde Giveon bereits sieben Mal für den Grammy nominiert. Seine Debüt-EP wurde 2020 für das beste R&B-Album vorgeschlagen, obwohl sie nur 24 Minuten Material enthielt – und hatte einen der besten Timeslots beim Coachella. Auch in der Modewelt sorgt er für Aufsehen: Giveon hat bereits zweimal an der Met Gala teilgenommen und läuft häufig in Chanel über die roten Teppiche. Eine große Ehre, schließlich bietet das Label nur selten Herrenmode an und stattet kaum Celebrities damit aus.

„Giveons Stimme war für mich einzigartig. Dazu kommt die Ernsthaftigkeit der Geschichten, über die er singt”, sagt Issa Rae, die schon früh Fan von Giveon war und die seine Musik in ihrer Serie Insecure vorstellte. „Ich fühle mich von Geschichten in der Musik wirklich angezogen, und seine erste EP ,Take Time’ hat mich vor allem deshalb interessiert, weil er einer der wenigen R&B-Künstler war, der sich auf seine Stimme und etwas stützt, das sich wie ein Live-Instrument anfühlt. Er versteckt seine Stimme nicht hinter überproduzierten Bops.“

„Heartbreak Anniversary” war nach der Veröffentlichung im Februar 2020 eine unwahrscheinliche TikTok-Erfolgsgeschichte. Normalerweise sind es Banger in Klingelton-Länge, die mit Schlagwörtern gespickt auf der App viral gehen. Der Song ist eine düstere Ballade und beschreibt verschiedene Möglichkeiten, wie eine Trennung eine Person verfolgen kann. Der warme Groove des Songs sprach ein TikTok-Tänzer*innenpaar auf den Philippinen an, deren Bewegungen aus Body Rolls und „Handography” eine weltweite Tanz-Challenge auslöste. „Ich habe beobachtet, wie [der Trend] von den Philippinen bis zu meinen kleinen Cousins nach Long Beach kam”, sagt Giveon. „Es ist verrückt zu sehen, dass es solche Tools gibt.”


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Kein Content, sondern Musik

Jetzt versucht Giveon herauszufinden, was es bedeutet, ein old-school R&B-Hearthrob in der TikTok-Ära zu sein. „Wenn du ein*e Künstler*in bist, der*die jetzt anfängt, gibt es so etwas wie Geheimnisse nicht. Das kann einfach nicht mehr passieren“, sagt er. Bei aller Freude über seinen Social-Media-Erfolg hat er auch gesehen, wie Streaming-Zahlen und Algorithmen oft bestimmen, was Künstler*innen veröffentlichen können und wann. „Artists müssen jetzt auch noch Content erstellen. Stell dir vor, Michael Jackson versucht, Michael Jackson zu werden, aber er muss auf TikTok sein. Es ist bittersüß.”

Giveon möchte nicht, dass sich seine Musik wie Content wirkt – er möchte, dass sie sich zeitlos anfühlt, als ob „man sie in jedem Jahrzehnt hören könnte und man nicht weiß, wann sie erschienen ist”, sagt er. Wir sprechen über die R&B-Künstler der 90er und frühen 2000er Jahre, mit denen wir aufgewachsen sind: Tyrese, Brian McKnight, D’Angelo. (Giveon hat einmal „Untitled (How Does It Feel)” für Spotify gecovert.) Er strebt danach, zur gleichen Riege an R&B-Stars zu gehören. „Was ich mir von diesen Künstlern abgeschaut habe ist, dass man in den Songs sinnlich sein muss. Ich denke, ich habe ein paar mehr süße, sinnliche Momente in diesem Projekt”, sagt er.

Er hält inne und zuckt zusammen. Das, was er gerade gesagt hat ist möglicherweise zu kitschig. „Aber nicht zu viele”, fügt Giveon lächelnd hinzu, „denn ich bin kein überschwänglicher Typ.”


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Neben seinem eigenen Gesang ist die einzige andere Stimme, die man auf „Give or Take” hört, die von Giveons Mutter – „keine Features”, betont der Künstler – die während der gesamten Laufzeit des Albums Lob und Ratschläge gibt. („Menschen machen Fehler. Menschen sind nicht immer einer Meinung. Behalte das im Hinterkopf, Giveon. Hörst du mich, mein Sohn?”) „Give or Take” fühlt sich wie ein Gespräch zwischen den beiden an, während er durch die Höhen und Tiefen von Liebe und Verlust navigiert. Giveon zählt sie zu seinen engsten Vertrauten.

„Besonders in meinem jetzigen Leben versuche ich, mich mit Leuten auszutauschen, die ich schon länger kenne”, sagt er. „Es ist nichts falsch daran, neue Leute zu treffen und sich mit ihnen zu unterhalten, aber diese tiefen, intimen Geschichten einer neuen Person zu erzählen? Da bin ich mir nicht sicher.”

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Seine Mutter war auch die erste, die sein Talent erkannte, als sie Giveon und seine drei Brüder in Long Beach, Kalifornien, aufzog. Während der High School nahm er an einem Musikprogramm im Grammy Museum in der Innenstadt von Los Angeles teil, wo er Größen wie Frank Sinatra studierte. „Ich glaube nicht, dass meine Mutter es für möglich hielt, dass Musik eine Karriere sein könnte. Sie wollte nur zeigen, dass ihr Kind singen kann”, erinnert er sich. „Eltern können einen zurückhalten und sagen: ,Eigentlich solltest du diesen [anderen] Weg gehen, denn dieser Weg [in der Kunst] ist sehr unrealistisch.’ Aber meine Mutter war sehr aufgeschlossen. Sie hat mich immer unterstützt.”

Vor ,Give or Take’ erzählte ich Geschichten durch eine vage Linse, um relatable zu sein und die verschiedenen Perspektiven zu erhalten. Diesmal habe ich mir gesagt: ,Ich werde nur aus meiner Sicht erzählen und wenn ihr euch damit identifizieren könnt, ist das großartig.‘

Zu dieser Zeit war selbst Giveon nicht sicher, ob eine vollwertige Musikkarriere möglich war. Nach einem abgebrochenem Studium in Kreativem Schreiben am College, arbeitete er weiter an seiner Musik, während er als Kellner in einer Filiale der Restaurant-Kette „Bubba Gump Shrimp Co”. jobbte. „Bei mir gibt es keine Form von Nepotismus. Meine ganze Familie besteht aus Krankenpfleger*innen, Postbot*innen und so weiter”, sagt Giveon. Doch schon bald knüpfte er Kontakte in der Branche: Sein erster Song „Garden Kisses” erregte 2018 die Aufmerksamkeit des kanadischen Produzenten Sevn Thomas (bekannt für Rihannas „Work“ und Drakes „Pop Style“) und ein Jahr später nahm ihn Epic Records unter Vertrag.

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Persönliche Songtexte mit Raum für (Fan-)Interpretation

Damals, so gibt Giveon zu, hat er sich mit seiner Musik zurückgehalten. „Vor ,Give or Take’ erzählte ich Geschichten durch eine vage Linse, um relatable zu sein und die verschiedenen Perspektiven zu erhalten. Diesmal habe ich mir gesagt: ,Ich werde nur aus meiner Sicht erzählen und wenn ihr euch damit identifizieren könnt, ist das großartig.‘”

Seine Texte wirken wie Tagebucheinträge. Einige seiner Songs haben sogar Daten als Titel. „Dec 11th” erinnert an einen Tourstopp in Houston im letzten Jahr: „Pretty brown eyes, I saw you from a mile away / But I was on the stage, so I couldn’t get your name”. Eine schmerzhaft Geschichte über einen verpasste Moment. Und jeder, der sich jemals in Romantik verrannt hat, wird sich in „July 16th” wiederfinden: „It’s only been fourteen days / And already adore the way you are to me / I wanna ignore and take it slow / ‚Cause I know where this can go / Movin‘ too fast, until we crash.”

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Dennoch gibt es eine Grenze für das, was Giveon bereit ist zu geben: „Eine Sache, die ich vor diesem Album gelernt habe ist, Raum für Interpretationen zu lassen”, sagt er. Die erste Single des Albums, „For Tonight”, handelt „wirklich von einer Tabu-Beziehung, aber das könnte mit einer Person sein, das könnte mit einer Substanz sein. Und ich würde es hassen, einfach alles zu verraten. Also versuche ich, meine Grundlage zu haben und lasse dann einfach Raum für Interpretation.”

In einer Welt, die von Singles und großen Musikvideos bestimmt wird und die einen Song nach dem anderen veröffentlicht, ist es aufregend zu wissen, dass ich die Aufmerksamkeit der Leute 45 Minuten lang fesseln kann.

Als er im April die Nachfolgesingle „Lie Again” veröffentlichte, spekulierten Fans, dass der Song von einer vergangene Beziehung des Sängers handelte. (Seine Ex-Freundin stellte die Gerüchte später klar – und noch einiges mehr.) Als ich ihn danach frage, huscht sein Blick zu seinem Team – das einzige Mal, dass sich sein Verhalten in unserem Gespräch wirklich ändert. „Es wird Dinge geben, die man interpretieren kann. Ich betrachte es einfach wie eine große High School, ignoriere es und lasse es abebben”, sagt er. „Das ist erst der Anfang von allem. Im Laufe der Zeit wird es noch mehr von dem geben, was sich das Internet ausdenkt. Aber das gehört einfach dazu. Man kann nicht versuchen, es zu verhindern. Man muss es einfach seinen Lauf nehmen lassen.”

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In der Zukunft ist Giveon vielleicht Stuhl-Designer

Jetzt, da „Give or Take” erschienen ist, sieht der Alltag des Künstlers ganz anders aus als noch vor zwei Jahren. „Es ist definitiv viel anstrengender, als wenn ich nur meinen Laptop aufklappe und mich über Zoom in Meetings einklicke”, sagt Giveon. „Aber es wird nie so anstrengend sein wie mein Job, bevor ich Musik gemacht habe.” In der Nacht des Album-Release veranstaltete Epic eine Listening-Party in L.A., gefolgt von einer Autogrammstunde in einem Plattenladen in Giveons Heimatstadt am nächsten Tag. Nur zwei Stunden waren dafür geplant, aber es endete nach sechs Stunden, weil Giveon mit allen Anwesenden sprechen wollte.

„Ich versuche einfach, in jedem Moment Qualität und Klasse zu zeigen. Wenn man an Giveon denkt, assoziiert man damit Qualität und Klasse, auch wenn es kein großer Moment ist – das will ich erreichen”, sagt er. „Denn irgendwann wird das so weitergehen. Sagen wir, in 10 Jahren möchte ich anfangen, Stühle herzustellen.” Stühle? Ich schaue ihm in die Augen, erinnere mich daran, dass er zu Multitalenten wie Virgil Abloh und Frank Ocean aufschaut, und beschließe, mich darauf einzulassen. „Jeder, der Giveon kennt, wird an Qualität, Klasse und Zeitlosigkeit denken. Sie werden sagen: ,Okay, lass mich mal sehen, was es mit diesem Stuhl auf sich hat.’”

Am Wochenende stand er bei den BET Awards 2022 auf der Bühne, aber eine technische Panne sorgte in den sozialen Medien für jede Menge Memes und Hot Takes. Als ich ihn ein paar Tage später per Telefon spreche, erzählt er mir, dass das Mikrofon auf G eingestellt, während der Song in B war. „Egal, selbst wenn ich in B gesungen hätte, wäre die Note in G herausgekommen, sodass es im Ohr kollidiert. Deshalb habe ich mir während des Auftritts ans Ohr gegriffen.”

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Giveon nahm es natürlich gelassen. „Für mich ist das nicht wirklich eine große Sache. Ich denke, es war einfach etwas, worüber man reden konnte”, fügt er hinzu. „Es hat nicht geschadet zu wissen, dass mein Album ein paar Tage zuvor veröffentlicht wurde, weil es die Neugier geweckt hat. Es war also ein cooler Moment, ehrlich gesagt.”

Das war der beste Teil der Release-Woche – nicht die technischen Schwierigkeiten, sondern zu sehen, wie die Leute sich mit dem Material auseinandersetzen. „Sie hören das ganze Ding tatsächlich durch”, sagt Giveon, als könne er es immer noch nicht ganz glauben. „In einer Welt, die von Singles und großen Musikvideos bestimmt wird und die einen Song nach dem anderen veröffentlicht, ist es aufregend zu wissen, dass ich die Aufmerksamkeit der Leute 45 Minuten lang fesseln kann.”

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Text: Maria Bobila
Fotos: Joshua Kissi via NYLON.com
Styling: Yashua Simmons
Set Design: Enoch M. Choi
Grooming: Esther Foster
Deputy Art Director: Shanelle Infante
Production: Kiara Brown and Production Squad
Talent Booking: Special Projects

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