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Offen für die Liebe – ich lebe Polyamorie

Nein, es geht  nicht (für jeden) darum, die richtige Person zu finden. Tagebuch einer polyamoren Frau.

Illustration: Jihyang Lim // Text: Almass Badat  

Als ich das Thema zum ersten Mal bei Nylon vorschlug, nannte ich es ein „ironisches Fragment zur Bekanntmachung von Polyamorie“. Ich war gut gelaunt. Die Arbeit war okay, mein Privatleben fühlte sich gut an und die Kreativität floss nur so durch mich hindurch. Sobald ich aber mit dem Schreiben begann, stieß ich auf diverse mentale und emotionale Barrieren. Zunächst googelte ich ‚tongue-in-cheek’, um den richtigen ironischen Unterton zu finden. Doch die ersten beiden Worte, die mir bei meiner Suche angezeigt wurden, waren ‚Unaufrichtigkeit’ und ‚Sarkasmus’. Zum Teufel dachte ich, denn ich wollte versuchen, mich dem Thema ehrlich anzunähern und den Diskurs über, wie ich es nenne, ‚offene Liebe’ –besser bekannt als Polyamorie – anzuregen.

Die erste Frage, die mir immer wieder zu Polyamorie gestellt wird, ist: „Wie funktioniert das eigentlich?“ Darauf gibt es nicht DIE Antwort. Liebe sucht sich ihre Wege. So könnte beispielsweise ein Paar gemeinsam andere Paare treffen oder jeder für sich allein. Auch Beziehungen zu dritt, in denen jeder einzelne wertgeschätzt und geliebt wird ‒ sexuell oder auch nur rein platonisch ‒ sind möglich. Es gibt auch Partnerschaften, in denen beide poly sind, obwohl sie lieber eine monogame Beziehung miteinander führen wollen würden. Die Möglichkeiten sind unendlich. Das liegt daran, dass wir mit vielen Menschen und auf unterschiedlichste Art und Weise verbunden sind.

Offene Beziehung sollten keinesfalls mit vielen, wechselnden One-Night-Stands oder Affären verwechselt werden. Freie Liebe erfordert Zeit, Pflege und Rücksicht. Man sollte sich gewürdigt, geborgen und umschwärmt fühlen ‒ auch und besonders, wenn es gerade mal nicht so gut läuft. Die Dynamik einer offenen Beziehung hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dabei geht es um Kontrolle, Kommunikation und fortwährende Anpassung. Alle Beteiligten müssen an sich und ihren Besitzansprüchen, ihrer Eifersucht und ihrer persönlichen Unsicherheit arbeiten. Es ist möglich, dass polyamore Partner eine gewisse Exklusivität für sich beanspruchen. Am wichtigsten ist es, einen oder mehrere Partner zu finden, der oder die dasselbe wollen und mit dem oder denen man die gleichen Bedürfnisse teilt.

Meinen monogam lebenden Freunden konnte ich Polyamorie am verständlichsten so beschreiben: Mit manchen Freunden geht man gerne zum Bowling und mit anderen Freunden bleibt man lieber zuhause und schaut Serien. Es gibt Freunde, die man nur einmal im Jahr sieht und Freunde, mit denen man täglich in Kontakt steht. Jede Freundschaft ist einzigartig und hat verschiedene Ebenen. Diese Sicht auf unterschiedliche Beziehungsarten kann man auch auf romantische Verbindungen übertragen. Wenn ich nach meinen Beziehungspräferenzen gefragt werde, benutze ich lieber den Begriff ‚offene Liebe’, denn Polyamorie klingt zu steril für ein derart emotionales und spirituelles Liebeskonzept. Ich vermeide es auch, Begriffe die die sexuelle Orientierung festlegen, zu nennen. Formulierungen wie ‚bisexuell’, ‚lesbisch’ oder auch ‚feminin’ schränken meine Identität und meine persönlichen Vorlieben zu sehr ein.

Als ich meinen Freunden zum ersten Mal davon erzählte, wie ich einen Mann traf, nachdem ich mit einer Frau zusammen war, gab es Reaktionen, wie „Oh, bist du dir sicher, dass du Männer magst? Ich dachte, du wärst lesbisch!“ Das war entmutigend, denn ich hatte mich selbst nie als lesbisch bezeichnet. Ich treffe mich nicht exklusiv und ausschließlich mit Frauen. Um genau zu sein, habe ich keinerlei Vorlieben. Stattdessen bin ich dankbar dafür zu wachsen, Neues zu erforschen, mich selbst kennenzulernen und mich frei dabei zu fühlen. Gegenwärtig bezeichne ich mich selbst als ‚queer’. Denn obwohl ich einen sexuellen Stempel für mich selbst ablehne, gefällt es mir, die Sprache stetig zu verfeinern. Und ich stelle fest, wie wichtig diese Identifikation für andere ist.

Polyamorie – alle haben eine Meinung dazu

Für mich, die an ‚offene Liebe’ glaubt und sich selbst als ‚queer’ bezeichnet, ist es besonders interessant zu sehen, wie sich der Diskurs verändert hat. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Queer-Frau um die vierzig, die mir von Reaktionen ihrer Familie auf ihre sexuelle Orientierung berichtete. Sie waren der Meinung, sie würde Frauen nur deshalb treffen, weil sie „noch nicht dem richtigen Mann begegnet sei“ oder weil „der Typ es im Bett nicht draufhatte“. Über diese absonderlichen Aussagen musste ich einfach nur lachen, da sie implizierten, dass Frauen nur andere Frauen treffen, weil sie noch nicht den richtigen Schwanz abbekommen hatten. Die Vorstellung, mir von jemandem vorschreiben zu lassen, wer ich bin und was ich will, ist mir völlig fremd.

Auf der einen Seite akzeptieren die Leute mehr und mehr, dass es Menschen mit unterschiedlicher, sexueller Orientierung gibt, aber die Ablehnung von Monogamie ist für sie immer noch unverständlich. Ich erzähle anderen, dass ich an die ‚offene Liebe’ glaube und bekomme immer noch zu hören: „Bist du dir sicher oder hast du einfach noch nicht die richtige Person für eine monogame Beziehung gefunden?“ Das ist genauso absurd, wie einer Lesbe zu unterstellen, sie wäre nur lesbisch, weil sie noch nicht von dem richtigen Penis penetriert wurde.

‚Offene Liebe’ ist für mich existenziell geworden. Ich betrachte jede menschliche Beziehung individuell. Keiner ist Ersatz für den anderen. Jeder ist einzigartig und ein wichtiger Teil von mir. Ich habe die Fähigkeit zu lieben und mit mehr als nur einer Person zusammen zu sein. Alles ist in einem ständigen Fluss. Ich versuche immer noch zu ergründen, wie sich offene Liebe auf unsere Gesellschaft und soziale Strukturen auswirkt. Auf dieser Entdeckungsreise gibt es einsame Momente, aber dann fällt mir ein: „Wenn du in eine Welt geboren wirst, in die du nicht hineinzupassen scheinst, dann liegt das vielleicht daran, dass du geboren wurdest, um eine neue Welt zu kreieren.“

Nylon
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