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Zurück bei homophoben Eltern: So überstehen junge queere Menschen die Quarantäne

Nicht für jede*n ist die Zeit zurück bei den Eltern eine Zeit der Entspannung. Im Gegenteil: Für viele junge queere Menschen bedeutet die Corona-Zeit daheim eine Rückkehr in feindselige Denkweisen, Diskriminierung und psychische Ausnahmesituationen. Vier von ihnen erzählen hier ihre Geschichte und beschreiben, was ihnen trotzdem Hoffnung macht.

Junge queere Menschen, die offen leben können – zu ihnen zählte sich in ihrer Zeit am College auch die 21-Jährige Odessa. Sie hatte eine feste Freundin. Sobald sie sich für einen Vollzeitjob nach ihrem Abschluss entschieden hatte (um ihre Unabhängigkeit zu festigen), wollte sie sich gegenüber ihren Eltern outen. Doch in ihrem letzten Studienjahr machte die CoVid-19-Pandemie Odessa und ihren Plänen einen Strich durch die Rechnung. Jetzt lebt sie wieder zu Hause, in Houston, Texas, bei ihrer Familie und ist „back in the closet”. Nachdem sie auf dem Campus ein Leben als geoutete Person geführt hatte, ist das ein Struggle.

Von Wut und davon, die Schuld doch loszulassen

Odessas Eltern kommen aus Indien und sind gläubige Christ*innen. Jeden Abend betet die Familie gemeinsam. Sonntage sind für einen Live-Streaming-Gottesdienst aus der Kirche reserviert, die Odessa in der High School besuchte. Die Predigt sei voll von homophoben Äußerungen des Pastors, die oft in blanken Hass umschlagen, sagt sie.

„Auch wenn ich meinen Eltern viel Schuld zuschiebe, versuche ich, mich zu beruhigen und die Schuld loszulassen“. – Odessa, 21, Houston

„Ich bin oft launisch und innerlich wütend auf meine Eltern, weil sie an dieses Zeug glauben“, erzählt Odessa. „Ich bewahre meine Gelassenheit, indem ich darüber nachdenke, wieder auf dem Campus oder bei meiner Freundin zu sein”. Ihre Freundin ruft Odessa heimlich an. Wenn sie ihrer Familie Geschichten über ihr Leben auf dem Campus erzählt, achtet sie darauf, deren Namen nicht zu benutzen und spielt ihre Bedeutung herunter. „Auch wenn ich meinen Eltern viel Schuld zuschiebe, versuche ich, mich zu beruhigen und die Schuld loszulassen„.

TikTok und Twitter als Coping-Mechanismus

Viele junge Mitglieder der LGBTQ+ Community sitzen aufgrund der aktuellen Pandemie zu Hause bei homophoben und queer-feindlichen Eltern fest. Einige sind geoutet, andere nicht. In einer schwierigen und potenziell prekären Situation haben sich diese Mitglieder der queeren Gemeinschaft einer ganzen Reihe von Bewältigungsmechanismen, „Coping Mechanisms”, angenommen, um den Sturm zu überstehen – größtenteils solche, die online zur Verfügung gestellt werden.

Odessa hat zum Beispiel das Schreiben und Malen als kreatives Ventil für sich entdeckt. Zeit mit ihrem Hund zu verbringen und über Astrologie zu lesen, hat ihr Zuflucht gewährt. Und dann gibt es noch Twitter und TikTok, die in den schweren Zeiten für einige Lacher sorgen. „Auf meiner FYP [TikToks „For You Page“] sehe ich viele queere Menschen, die das Gleiche wie ich durchmachen und durch Humor damit umgehen”, sagt sie. „Sie sind alle wirklich ziemlich lustig, und ich fühle mich dadurch weniger allein.”

 

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Pride, Memes, Bildung: Alles über den Bildschirm

In London lebt die 22-jährige Sim, die letztes Jahr ihren Uni-Abschluss gemacht hat, bei ihren Anti-LGBTQ+ Eltern. Dass Sim lesbisch ist, wissen sie nicht. „Ich bin den meisten meiner Freund*innen gegenüber geoutet, also bleibe ich regelmäßig mit ihnen in Kontakt, und wir sprechen darüber, wie wir alle mit der Situation umgehen“, erzählt Sim. „Twitter ist auch eine große Hilfe, denn dort gibt es viel positiven Gay Content.” Sim mag die witzigen Memes und Videos über Gay Culture und wie sie das Bewusstsein für die Rechte von LGBTQ+ schärfen, gängige Stereotypen entlarven und Menschen über queere Geschichte informieren, zum Beispiel über die Ursprünge von Pride. Da die Pride-Events und Feste in vielen Städten aufgrund der Coronavirus-Krise abgesagt wurden, wird Sim wahrscheinlich eine FaceTime-Session mit ihren Freunden planen, damit sie gemeinsam feiern können – auch wenn das dieses Mal über Bildschirme passieren muss.

„Ich bin den meisten meiner Freund*innen gegenüber geoutet, also bleibe ich regelmäßig mit ihnen in Kontakt, und wir sprechen darüber, wie wir alle mit der Situation umgehen“ – Sim, 22, London

AT Furuya identifiziert sich als queer/trans*/nicht binär und ist Jugendprogramm-Manager_in bei GLSEN, einer gemeinnützigen Organisation, die sich dafür einsetzt, Mobbing und Diskriminierung von LGBTQ+ Personen durch Bildung zu beenden. AT erzählt, dass queere Jugendliche, die in identitätsfeindlichen häuslichen Umgebungen leben, ihr Aussehen oder Sprechweise manchmal zuhause anpassen, um nicht geoutet zu werden. „Ständig von homo- oder transphoben Familienmitgliedern falsch gegendert, kritisiert oder anderweitig entkräftet zu werden, kann bei jungen Menschen zu ernsten psychischen Krisen führen“, sagt Furuya. Außerdem stellt they [selbstgewähltes Pronomen, Anm. d. Red.] fest, dass nach den Morden an George Floyd und Breonna Taylor durch Polizei und den anschließenden Black Lives Matter-Demonstrationen Schwarze LGBTQ-Jugendliche und queere Jugendliche of Color – die nach wie vor größeren Risiken ausgesetzt sind – noch mehr Verwundbarkeit aufweisen. „[Sie] sind gegenwärtig psychischen und physischen Bedrohungen in Form von Gewalt der White Supremacists ausgesetzt“, sagt Furuya. Es sei deshalb „noch wichtiger, mit LGBTQ-Mitmenschen und externen Ressourcen in Verbindung zu bleiben“.

„Was ich mir am meisten wünsche, ist die Unterstützung meiner Eltern [und] Brüder, und die bekomme ich nicht. Ich will nur, dass sie verstehen, dass es keine Wahl ist, und ich bin immer noch derselbe Mensch, der ich war, bevor ich mich geoutet habe.” – Drew, 25, San Diego

Für diejenigen, die ihren Eltern gegenüber geoutet sind, kann das Leben zu Hause direkte Kritik und Ablehnung bedeuten. Aufgrund der Pandemie lebt Drew Rizzuti, 25, in dem homophoben Haushalt, in dem er in San Diego, Kalifornien, aufgewachsen ist. Er outete sich 2018 als trans* und schwul.  Als er jünger war, tat er das nicht – aus Angst, in ein Camp für Konversionstherapie geschickt zu werden. Als er in der Schule schikaniert wurde, hatte Drew auch Suizidgedanken.

Die eigene Identität wird totgeschwiegen

Über das Leben zu Hause sagt er: „Ich wusste, dass sie sich damit ringen würden, dass ich schwul [und] trans* bin. Ich wusste nur nicht, dass sie es so sehr tun würden. Sie fingen an, Dinge zu sagen wie: „Wir unterstützen deine Entscheidung, diesen Lebensstil zu führen, nicht. Du wirst nie ein richtiger Junge sein. Wie kannst du gleichzeitig schwul und trans* sein?“, erzählt Drew. „Was ich mir am meisten wünsche, ist die Unterstützung meiner Eltern [und] Brüder, und die bekomme ich nicht. Ich will nur, dass sie verstehen, dass es keine Wahl ist, und ich bin immer noch derselbe Mensch, der ich war, bevor ich mich geoutet habe. Ich versuche, mit ihnen über LGBTQ+ Themen zu sprechen, und es endet immer in einem sehr hitzigen Gespräch. Im Grunde ist meine ganze Identität ein Thema non grata“.

Während der Zeit in Selbstisolation hat Drew sich an eine ganz bestimmte Online-Community gewandt, um dort Bestätigung zu erfahren: an die Anhänger des ehemaligen demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Pete Buttigieg. Rizzuti warb vor Ort und telefonierte während des Wahlkampfs für Buttigieg und verfolgt jedes Instagram Live-Video vom Ehemann des ehemaligen Bürgermeisters, Chasten Buttigieg. Ihn bezeichnet Drew als „eine echte Inspirationsquelle”. Außerdem findet er auch Trost beim Laufen, auf langen Fahrten und beim Musikhören. Außerhalb des Elternhauses zeigt Drew Rizutti etwas von seinem Stolz, indem er seine Gesichtsmaske in Regenbogenfarben trägt.

Familie bedeutet auch: Chancen für neue Generationen

Violet*, 20, kommt aus Miami und ist Studentin an einem historischen Frauen-College. Mitte März kehrte sie wegen der Pandemie Hause zurück ist. Als pansexuelle und nicht-binäre Person ist Violet nicht gegenüber der Familie geoutet, von der Violet sagt, dass sie „Shit über Schwule reden”. Trotzdem kritisiert Violet their (selbstgewähltes Pronomen, Anm. d. Red.) Eltern selektiv für ihre homophobe Rhetorik und die rassistischen Tiraden ihres Vaters. Violet erinnert sich daran, dass they kürzlich „The Big Flower Fight” auf Netflix mit der Familie anschaute. Violets Mutter fragte, ob alle in der Sendung schwul seien, wobei sie einen homophoben spanischen Begriff für schwule Männer benutzte. Violet erinnert sich an die Antwort: „Sie sind nicht alle schwul“ – und dabei beließ they es. Violet glaubt nicht, dass sich ihre Eltern jemals grundlegend ändern werden, hofft aber, their jüngere Schwestern davon abhalten zu können, eine ähnliche Denkweise zu entwickeln. „Wenn meine Schwestern und ich erst einmal aus dem Haus sind, kann ich mich [meinen Eltern] gegenüber outen und sie mich akzeptieren oder was auch immer sie tun wollen, aber im Moment mache ich mir nur Sorgen um meine Schwestern“.

„Zu sehen, wie so viele andere Leute mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich, ist eine Bestätigung. Ältere QTPOC-Personen glücklich und gesund zu sehen, gibt mir Hoffnung, aber es macht auch einfach Spaß, diese Geschichten zu sehen” – Violet, 20, Miami

Representation matters – und macht Spaß

Violet hat Trost in Entertainment mit LGBTQ+ Storylines gefunden und weinte sogar über das Serienfinale des Netflix-Reboots von „She-Ra”, in dem eine lang angedeutete queere Storyline mit einem Kuss bestätigt wurde. Violet ist außerdem Fan von „Killing Eve” und „Riverdale”, und in der Quarantäne hatte they endlich Zeit, „Glee” zu schauen – eine Serie, deren erste Ausstrahlung Violet damals verpasst hatte. „Zu sehen, wie so viele andere Leute mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich, ist eine Bestätigung. Ältere QTPOC-Personen glücklich und gesund zu sehen, gibt mir Hoffnung, aber es macht auch einfach Spaß, diese Geschichten zu sehen“, sagt Violet. They hat sich auch Twitch-Streams und Instagram-Live-Sessions von verschiedenen Autoren angesehen und online mit anderen Fans interagiert. Dabei kommt eine Menge Bildschirmzeit zusammen, sagt Violet – „an manchen Tagen bin ich schon viel zu lange auf TikTok“ – aber das ist es wert. Glücklicherweise haben Violets Eltern während des ersten College-Jahres auf die Nutzung ihrer Geräte verzichtet, was den Kontakt mit queeren Gleichaltrigen erleichtert hat. Zuvor hatte Violet diese Freiheit nicht.

Von „Houseparty” bis Zoom-Call bis Self-Care: Hilfestellungen

„Ich habe von Studenten gehört, die alle möglichen Plattformen nutzen, um sich zu connecten, sei es durch Spiel-Apps wie Houseparty oder durch Gespräche auf Twitter. Dazu kommt das Verbreiten individueller Texte und Anrufe mit Namen von trans* Personen, um ihnen Bestätigung zu geben, oder ein spontaner Zoom-Call mit Freunden aus einer [„Gay-Straigh-Alliance“] auf dem Campus”, sagt AT Furuya und fügt hinzu: „Es ist aber auch wichtig, eine Pause von sozialen Medien einzulegen und Self-Care zu praktizieren, wie etwa Meditation [oder] Work-outs.”

 

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Mit Blick auf die Zeit, wenn sich CoVid-19 verflüchtig und sie nicht mehr zu Hause leben, haben queere junge Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon, was ihre Zukunft bringen wird. Einige glauben, dass eine bessere Beziehung zu ihren Familien möglich ist. „Ich habe vor, innerhalb des nächsten Jahres auszuziehen, und ich hoffe, dass ich auf diese Weise meiner Familie vielleicht etwas Raum geben kann“, sagt Drew Rizutti. „Hoffentlich sehen sie irgendwann ein, dass es in Ordnung ist, Teil der LGBTQ+ Gemeinschaft zu sein, und dass es ein Ort für alle ist – nicht nur für queere Menschen.

Andere fassen ihre Gedanken breiter: „Ich hoffe, ich kann in einer Welt leben, in der es keine Polizei gibt, in der Menschen nicht auf der Straße sterben, in der Kinder nicht mit der Wahl zwischen beschissenen Eltern oder einer Pflegefamilie feststecken“, sagt Violet. „[Es] klingt einfach, aber ich hoffe einfach, dass es eines Tages allen gut gehen wird.“

*Odessa, Violet: Name aus Gründen der Anonymität und Sicherheit geändert.

Text: Gabe Bergado//Grafik: Lindsay Hattrick via NYLON.com

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