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Interview: Was passiert, wenn das Nachtleben für immer verstummt? Rapper Ahzumjot hat’s ausprobiert

Seit einigen Wochen steht das Nachtleben aus bekannten Gründen still. Was aber wäre, wenn das für immer so bleibt? Was, wenn Bars, Clubs und Co für immer verstummen? Für den Kurzfilm „Nightlife on Mute“ von Jägermeister haben Künstler*innen eine Stunde im schalldichten Raum verbracht, um die Erfahrung zu testen. Einer von ihnen ist Rapper Ahzumjot, der uns seine Erfahrungen im Interview beschreibt und erzählt, wie ihn der Switch der Kulturbranche gerade beeinflusst.

 „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“, das fünfte Studioalbum von Kanye West, dauert genau eine 1 Stunde, 8 Minuten und 36 Sekunden. Von der ersten bis zur letzten Sekunde kann es der deutsche Musiker und Producer Ahzumjot im Kopf mitrappen. So gut sogar, dass er mit den Tracks die Zeit stoppt: Ahzumjot hat genau eine Stunde in einem sogenannten „Silent Room” verbracht und seine Zeit darin anhand der 13 Kanye-Songs gemessen. Just for fun macht der Rapper das aber nicht: Für den Kurzfilm „Nightlife On Mute“ von Jägermeister im Rahmen der Initiative #SaveTheNight ließen er und andere Acts wie Aminata Belli, Ines Anioli oder Patrick Mason sich in den völlig schalldichten Raum einschließen, in dem es weder Echo noch Rückkopplung gibt. Mit dem Film zur Stille erschafft Jägermeister so eine Metapher, die die Kultur- und Gastronomieszene unterstützen und an Konsument*innen appellieren will. Dafür hält die Initiative online konkrete Ideen bereit, mit denen jede*r Einzelne die Nachtkultur unterstützen kann – von virtuellen Partys bis zu „Pay Now, Drink Later” Spenden für Bars. Ganz nach dem Motto: „Damit die Nacht ein Morgen hat – rettet, was euch fehlen wird!“. Wie aber fühlt es sich denn nun an, wenn das Nachtleben wirklich verschwindet?

„Nightlife on Mute”: So war eine Stunde Stille für Ahzumjot

„Man kann sich nicht vorstellen, wie still Stille sein kann”, erzählt Ahzumjot von seiner Zeit im Silent Room. „Du hörst zum ersten Mal deine eigenen Gedanken. Wer schon mal auf dem Land war und aus einem Haus tritt und dieses Nichts hört…das ist immer noch wahnsinnig viel lauter als dieser Raum.” Als Musiker und Produzent schaute sich Ahzumjot erst einmal die technische Konstruktion an und versuchte dann, sich mit Schlaf abzulenken – während in seinem Kopf natürlich Kanyes Album lief. An Schlaf aber war im Silent Room nicht zu denken: Sie funktioniert, die Metapher der bedrückenden und schneidenden Stille. Stille, die eben bleibt, wenn die Nacht verstummt.

„Es ist toll, Musik zu releasen und dann bekommst du ganz viele Feuer-Emojis in deinen Insta-Feed geballert. Es ist aber noch mal etwas anderes auf der Bühne zu stehen und zu merken: Krass, hinter diesen Feuer-Emojis stecken echte Menschen, die wirklich dafür brennen.”

Das würde selbstverständlich auch Ahzumjot selbst betreffen. Als Rapper switchte der 31-Jährige schon zwischen Plattenvertrag beim Major Label und dem Leben als Indie-Act. Seit 2015 bleibt er unabhängig und hat seine Kunst immer wieder neu gedacht. Remixalben, Instrumentals, Alben, die eigentlich Playlists sind – Ahzumjot hat so ziemlich jede Plattform einmal ordentlich durchgepustet. Dabei bleibt die Live-Performance für ihn aber immer das Endziel: „Gar nicht mal aus finanziellem Grund, sondern weil Live spielen das ist, wofür ich das alles mache. In den Momenten spüre ich ja mal Feedback”, überlegt er im Video-Call. Heute sitzt Ahzumjot in seiner Berliner Wohnung, trägt Durag und einen Hoodie, der verdächtig nach seinem eigenen Merch aussieht. Normalerweise wäre er jetzt im Studio, würde aufnehmen und produzieren, schon wieder für das nächste Projekt. Und für die Fans, die es dann hoffentlich irgendwann wieder live hören könnten. „Es ist toll, Musik zu releasen und dann bekommst du ganz viele Feuer-Emojis in deinen Insta-Feed geballert. Es ist aber noch mal etwas anderes auf der Bühne zu stehen und zu merken: Krass, hinter diesen Feuer-Emojis stecken echte Menschen, die wirklich dafür brennen”, sagt Alan.

„Es ist nicht mal selbstverständlich, Musik hören und konsumieren zu können“

In diesem Sinne hofft er, dass Kampagnen wie #SaveTheNight und „Nightlife on Mute” Aufmerksamkeit dafür schaffen können, dass Kunst und Kultur nicht nebensächlich sind. „Es ist nicht selbstverständlich, dass du auf Konzerte gehen kannst. Es ist nicht selbstverständlich, dass du einfach jeden Abend in einer Bar verbringen und dort geile Musik hören kannst. Es ist nicht mal selbstverständlich, Musik überhaupt zu hören und zu konsumieren”. Kunst und Kultur müssten nicht nur als Hintergrundrauschen gesehen werden, so Ahzumjot, sondern als etwas, hinter dem viel Arbeit, Liebe und Leid stecken. Im nächsten Schritt könne dann jede*r Einzelne überlegen, wo man unterstützen kann. Ahzumjot ist es dabei wichtig, nicht nur die Künstler*innen selbst zu highlighten, sondern vor allem die Menschen hinter den Kulissen – zum Beispiel Clubbesitzer*innen, die Miete nicht nur zuhause zahlen müssen, sondern auch für eine leere Location. „Wenn Clubs und Veranstalter schließen oder von irgendwelchen riesigen Konzernen aufgekauft werden, wo soll ich denn dann spielen, selbst wenn es wieder möglich ist?”, fragt Ahzumjot und antwortet sich selbst: „Das würde ziemlich düster aussehen.”

„Vielleicht war ich gewappneter, weil ich mit dem Twitch-Ding sofort im ersten Lockdown angefangen habe. Ich bin aber nicht nur einfach online gegangen und habe mein Face für eine Stunde gezeigt, sondern habe mir Formate ausgedacht und rumexperimentiert. In Deutschland würde ich sagen habe ich das Twitch-Ding so auf die Spitze getrieben wie kein anderer bisher.”

Bis es aber soweit kommt, vernetzt sich der Musiker wie viele Kolleg*innen online mit seiner Community – auch wenn er hier vielleicht nur einen Bruchteil ihrer Mitglieder erreichen kann. Sicherlich hat ihn seine Vergangenheit abseits des Mainstream aber ein wenig auf das vorbereitet, was für viele jetzt Neuland ist. „Ich bin es gewohnt, zu gucken, wie ich mich durchschlage. Ich will mir nicht selbst auf die Schulter klopfen, aber das mache ich seit fünf Jahren echt gut.” Trotzdem hat auch Ahzumjot neue Entdeckungen gemacht, zum Beispiel mit der Videostreaming-Plattform Twitch. „Vielleicht war ich gewappneter, weil ich mit dem Twitch-Ding sofort im ersten Lockdown angefangen habe. Ich bin aber nicht nur einfach online gegangen und habe mein Face für eine Stunde gezeigt, sondern habe mir Formate ausgedacht und rumexperimentiert. In Deutschland habe ich das Twitch-Ding so auf die Spitze getrieben wie bisher kein anderer, würde ich sagen.”

An dieser Spitze trifft Ahzumjot seine engsten Fans, mit denen er auch Remixe und Instrumentals produziert. Dass seine Community an Projekten mitwirken kann und Musik zum faireren Spielfeld für viele wird, sei vielleicht das einzig Positive, was kulturell aus dieser Krise entstanden sein könnte, sagt er. Für ihn als Workaholic ist die Zeit aber trotzdem auch Antrieb – und eben doch nicht so bedrückend wie eine Stunde im Silent Room: „Die Einsamkeit hat mich dazu gebracht, sie ‚totzuspielen‘. Meine unkreativste Phase hatte ich vor vor sieben oder acht Jahren, als ich nach Berlin gezogen bin und einen guten Vorschuss vom Label bekommen habe. Da hieß es dann: Los, mach Musik! Und ich dachte: Wovon soll ich denn erzählen? Da habe ich mich dann versucht zu erinnern, wie’s vorher war. Mich motivieren solche vermeintlichen Sackgassen eher, als dass sie mich lähmen.”  Und aus dieser Motivation entstehen Projekte wie Ahzumjots neues Mixtape „wach”, das Anfang des Monats erschienen ist. Übrigens: „wach” ist etwas mehr als eine halbe Stunde lang. Falls mal jemand von euch in einem Silent Room sitzt und die Zeit messen müsste, you know.

In Kooperation mit Jägermeister.

Robin Micha
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