Search:

Mal ehrlich, sind Award-Shows bald irrelevant?

Trotz A-List-Gästen und Top-Performern kämpfen die Riesen unter den Award-Shows mit jeder Saison um Relevanz. Sind Diversity und ein System-Update nötig, um die eine Meta-Frage zu vermeiden: Wer braucht das noch?

Der Meilenstein-Gewinn von „Parasite”, dem koreanischen Blockbuster, konnte auch nicht helfen. Die Oscars 2020 waren vieles, aber nicht wirklich spannend. Anstatt etwa „aufregend“ oder gar „revolutionär” waren „sexistisch” und „rassistisch diskriminierend” im Vorfeld da schon eher die beschreibenden Adjektive of choice. Auch andere Awards, darunter das musikalische Oscar-Pendant Grammys, hatten in der Vergangenheit schon sowohl deutliche, als auch weniger offensichtliche Probleme mit der Vielfalt – Stichwort Tyler, the Creator. Und wer kann eigentlich noch die letzten MTV VMAs von denen im Jahr davor unterscheiden? Die Welt der Award-Shows strauchelt. Dabei war sie einst eine Art international umfieberte „fünfte Jahreszeit” voller ikonischer Looks und Momente.

Flashback oder Ignoranz: Wie geht man mit Award-Shows um?

An spannenden Persönlichkeiten und den passenden Looks mangelt es uns heutzutage definitiv nicht. Und trotzdem scheinen innerhalb der letzten Jahre viele Award-Saisons nach gleichem Schema verlaufen sein. Ihr Vorfeld ist gekennzeichnet von Debatten um Diversity-Mangel, und das nicht nur in ethnischer oder genderthematischer Aufstellung. Auch technische Kämpfe, in denen Musik- und Film-Streaming klassischen Formaten die Stirn bietet, spielen eine Rolle. Die verzweifelte Reaktion vieler außenstehender Medien ist oft eine Rückschau: Als Teil ewiger Nostalgie teilt man lieber Jahrzehnte zurückliegende Looks und Momente, anstatt die Gegenwart zu hinterfragen. Davon kann sich kaum ein Profil freimachen und es wäre gelogen, wenn wir in dieser Redaktion nicht auch schon vor solchen Flashbacks gestanden hätten. Die nächste Alternative wäre schließlich Ignoranz.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von NYLON magazine germany (@nylongermany) am

Wenn es dann also doch an eine Recap der jeweiligen Verleihung geht, spult sich das Tape ebenso oft von vorne ab. Man postet die besten Momente, meist gibt es einen Skandalauftritt, den es zu besprechen gilt, die eine große Rede, oder eben ein gefeiertes Outfit von Billy Porter. Ein paar Tage später aber sind auch diese Eindrücke verweht, manchmal braucht es nur Stunden. Dass man sich in 10 Jahren gleichermaßen darauf zurückbesinnt, wie jetzt noch Award-Shows der letzten drei Dekaden hervorgeholt werden? Very unlikely.

Die Message ist das einzige, was auf der Bühne noch zählt

Lediglich die Statements für gesellschaftlichen Wandel, welche Award-Shows gerade noch zu hinterlassen versuchen, sind das, was bleiben könnte. Mehr denn je dienen roter Teppich und Bühne als Leinwand für gesellschaftliche Debatten und Missstände. 2020 gehörte zu den meistbesprochenen Outfits nicht etwa der Look eines  Mr.Porter, sondern einer Mrs. Portman. Die Schauspielerin Natalie Portman trug auf dem roten Teppich einen Mantel, auf dem die Namen von Regisseurinnen eingestickt sind. Regisseurinnen, die bei den Oscar-Nominierungen ignoriert wurden. Aktionen wie diese fordern auch auf den vermeintlich gleichen Seiten Debatten – so wurde Portman von Kollegin Rose McGowan scharf für ihren „Fake-Support“ kritisiert. Weniger interne Kritik erntete der schwarze Red-Carpet-Dresscode zur Zeit von #TimesUp vor zwei Jahren.

In ihren Dankesreden sprechen Gewinner*innen außerdem in wachsender Frequenz Themen an, die nichts mehr mit klassischen Worten an Team und Family zu tun haben. Vielmehr geht es um soziale Gerechtigkeit, wie zum Beispiel in den Reden von „Joker”-Darsteller Joaquin Phoenix oder des Teams hinter dem Oscar-Kurzfilm „Hair Love“. Patricia Arquette, Russel Crowe, es gibt noch viele weitere Beispiele für die öffentlich mahnenden Worte. Manchmal richten sie sich sogar konkret gegen die Award-Industrie selbst, so wie die Rede von Ex-NYLON-Coverstar Halsey, die die Frage dieses Artikels nur noch einmal hervorhebt. Auch Popstar Charli XCX freut sich über ihre Brit-Award-Nominierung, schlussfolgert bei aller Dankbarkeit aber auch, dass „diese Nominierung nicht wirklich irgendwas verändert”.  Fast scheint es also frech, häufig aber vor allem langweilig, wenn Preisträger*innen ihre Dankesrede – und damit ihre Plattform – nicht für Kritik oder eine wichtige Botschaft nutzen.

Dass dem so ist, ist gut. In welcher Atmosphäre ließen sich sonst wichtige Messages verbreiten, wenn nicht im selbstbeweihräucherten Kontext von Award-Shows? Dennoch helfen Diskussionsthemen nicht dabei, dass das Prinzip der klassischen Preisverleihung immer öfter alt und eingefahren wirkt. Oder, besser, dass es sich an einer Zeit orientiert, die mit dem aktuellen Medienangebot nicht mehr viel gemeinsam hat. Wie „subjektiv beeinflusst“ schon allein vorausgewählte Nominierungen sind, manifestieren die bereits erwähnten Rassismus- oder Sexismus-Anschuldigungen. Davon aber mal abgesehen: Wie sollen sich eine Academy-Award-Jury, eine Recording Academy oder sonstige Verbände im heutigen Angebot entscheiden? Die vergangene Dekade hat die Kulturlandschaft einmal mehr in so kleine Nischen unterteilt, dass manche Sub-Kategorie fast schwerlich zu identifizieren ist. In einer Zeit, in der Streaming-Rekorde einander innerhalb kürzester Zeit ablösen und täglich neue Filme und Songs hochgeladen werden, scheint es altmodisch, einmal pro Jahr „den oder die Besten” zu küren. Im Streben nach individuellem Geschmack werden die Stempel „Oscar-Preisträger*in“ oder die Grammy-Anzahl eines Albums manches Mal vermutlich sogar absichtlich überlesen. In wie vielen Freundebüchern das Feld des „Lieblingsfilms” oder der „Lieblingsband” heute wohl leer bliebe?

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Diet Prada ™ (@diet_prada) am

Achtung: Update lange überfällig

Versteht mich nicht falsch, die eine Antwort auf die Frage nach einer stabilen Award-Zukunft habe auch ich (noch) nicht, daher dieser fragende Text. Es ist auch nicht so, dass ich mir nicht jedes Jahr eine Galerie der Outfits ansehen würde, insgeheim bei @diet_prada auf die Rezension jener warte und in unserer Redaktion nicht die Diskussionen um Highs und Lows dieser Abende geführt würden. Mit jedem weiteren Jahr frage ich mich aber, wie lange das Theater noch so weitergehen kann. Denn: Es braucht nicht noch weitere Kategorien, keine Änderungen im Show-Ablauf, nicht nur Memes, sondern ein radikales System-Update. Vielleicht die komplette Abschaffung, vielleicht sogar NOCH mehr Awards, für Nischen, oder so. Zu verliebt scheint die US-amerikanische Entertainment-Welt dafür noch in das Überreichen kleiner goldener Figuren.

Die nackte Wahrheit: Die Zahlen der Award-Shows sinken

Am Ende belegen es aber die nackten Zahlen: Trotz kurzen Rebounds im letzten Jahr haben die Einschaltquoten der diesjährigen Oscars ein weiteres Minus von 20 Prozent und damit einen neuen Tiefpunkt erreicht, wie es in der „New York Times” heißt. Zwar muss berücksichtig werden, dass hier nicht die Zahlen von Streaming-Übertragungen einbezogen wurden, ein kleiner Tiefpunkt bleibt es aber trotzdem – und dabei waren die US-Zuschauer im letzten Jahr doch vor allem noch liberale Frauen aus der Gen-Z. „Nur” noch fünf Millionen Zuschauer mehr als die Golden Globes und Grammys (und auch die sanken um fünf Prozent) hätten die Oscars gehabt. Vorher gab es mal 18 Millionen Viewer Unterschied. Ob das an der erneut fehlenden Moderation gelegen hätte, überlegt „Times”-Autor John Koblin. Oder daran, dass sich Streaming-Nutzer nicht mehr dreieinhalb Stunden Show am Stück reinziehen könnten, dazu noch unterbrochen von 40 Minuten Werbepausen. War die Oscar-Verleihung zu nah an andere Shows datiert,  „gab es im Raum noch genügend Sauerstoff zum Atmen für die Oscars?”, fragt Koblin. Er liefert damit viele Rechtfertigungen, fragt aber eben die eine große Frage nicht: Ob diese Luft überhaupt noch jemand atmen möchte.

Mehr aus diesem Kosmos:

Zwei Welten treffen aufeinander: Die Netflix-Stars aus „Isi & Ossi“ im Interview über Geld, Dating und traditionelle Berufe
„Hair Love“: Wie der Oscar-Kurzfilm für Diversity in der Animationswelt sorgt
Von Beyoncé-Videos zu „Queen & Slim“: Melina Matsoukas über die Bildwelt ihres Kino-Debüts

 

Robin Micha
No Comments

Post a Comment

Zwei Welten treffen aufeinander: Ein Interview mit den Netflix-Stars aus „Isi & Ossi" Previous Post
NYLON-Freundebuch: Hi, DAS NEU! Next Post

Follow us

The access_token provided is invalid.