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Über Astrologie, Tarot und die heilende Kraft des „Bullshits“

Die Sterne sind blind. Macht aber nichts.

Text: Keely Weiss // Collage: Danielle Moalem

So lange, wie die Menschheit existiert, hat sie um Rat in die Sterne geblickt. Ihre Rolle in unserem Leben ist eine Art Indikator unserer Entwicklung: Am Anfang, als unsere Bedürfnisse noch unkompliziert und überschaubar waren, lenkten sie uns im wortwörtlichen Sinne und navigierten uns durch die Wälder und über die Meere; dann, als wir beschlossen, dass wir mehr im Leben brauchten, gaben sie uns unsere Götter. Aber auch darüber sind wir hinweg und brauchen unseren Zweck im Leben nicht mehr von Milliarden Kilometer weit entfernten brennenden Gasbällen bestimmen zu lassen. Stattdessen erwarten wir jetzt von den Sternen, das größte Mysterium überhaupt zu entziffern: unser inneres Selbst.

Auf eine gewisse Art und Weise ist die aktuelle Renaissance der Astrologie und ihr verwandter Praktiken – Tarot, Hexerei, Kristalle – die ultimative Narzissmus-Übung der Millennials-Generation. Wer glauben wir eigentlich, wer wir sind, dass die Erde, der Himmel oder ein illustriertes Kartenspiel davon erfüllt sein sollten, uns unser Innerstes zu offenbaren? Kritiker ziehen aus diesem Ansatz oft ihre Argumente – dass es egozentrisch und weltfremd sei, zu glauben, dass jeder Einzelne von uns im Bauplan des Universums enthalten sei. „Glaubst du wirklich“, fragen meine skeptischen Freunde, „dass an Astrologie und Tarot etwas Wahres dran ist?“

Meine Antwort ist immer dieselbe: „Spielt das eine Rolle?“

Ich bin ein Millennial in der Krise. In meinem jungen Erwachsenenleben habe ich schon auf alle möglichen Arten versucht, herauszufinden, was ich von der Welt will und wo mein Platz in ihr ist. Für mich klingen Horoskope und Tarotlegungen verführerisch, weil sie versprechen, mir darauf eine Antwort zu geben. Aber um an diese Antwort heranzukommen, verlangen uns diese übernatürlichen Werkzeuge einen kleinen, aber wesentlichen Preis ab: Sie erfordern, dass wir über unsere Gefühle nachdenken und über sie sprechen. Die wahre Magie der Vorhersehung liegt nicht in der Verbindung zum Kosmos, sondern in der Art, wie sie es uns ermöglicht, uns unserem Innersten zu öffnen. „Ich glaube, dass es egal ist, ob ihr Nutzen wissenschaftlich bewiesen ist. Was wirklich zählt, ist die Beziehung des Einzelnen dazu und diese Praktiken als Werkzeug zu benutzen“, sagt Paar- und Familientherapeutin Hanna Ketai aus Los Angeles. Sie schätzt übernatürliche Disziplinen, die „uns helfen, zu reflektieren, unser Bewusstsein zu erweitern und die Dinge auf eine andere Art und Weise zu sehen.“

Im Idealfall sind übernatürliche Werkzeuge ein Prisma, durch das wir uns und unser Umfeld klarer betrachten können. Sie sind gleichzeitig Sündenbock und Lösungsmöglichkeit für unsere Probleme: Ich bin unruhig, da mein Mond im hyperaktiven Zwilling steht; wenn ich zulasse, dass meine Gefühle durch mich sprechen, kann ich mich lange genug auf sie konzentrieren, dass ich Frieden mit ihnen schließe. Ein rückläufiger Merkur ist eine praktische Entschuldigung sowohl für defekte technische Geräte als auch für dysfunktionale Beziehungen; andererseits ermutigt er uns auch, alten Wunden, die wir sonst ignorieren würden, wieder Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Wie Eltern, die heimlich Zucchini in den Brei ihres zimperlichen Babys mischen, überlisten uns übernatürliche Disziplinen, indem sie uns versprechen, wir müssten uns nicht mit uns selbst beschäftigen – und wir dann genau das tun.

Der Versuch, sich sein inneres Selbst zusammenzureimen, ist verwirrend und chaotisch; von uns wird verlangt, den unkontrollierbaren Tücken unserer Psyche direkt entgegenzutreten – das emotionale Äquivalent dazu, in die Sonne zu starren. Metaphysische Praktiken wollen uns glauben machen, dass unsere ganzen emotionalen Komplexitäten einfach festgesteckt und beschriftet werden können wie Falter in einer Schmetterlingssammlung. Mit übernatürlichen Disziplinen kann man dagegen „direkt eintauchen, mit den Dingen spielen, sie herumrücken und sie dazu bringen, miteinander zu kommunizieren, ganz spielerisch“, sagt Hellseherin Grace Kredell aus Brooklyn, New York. „Allein schon damit anzufangen, seine Probleme zu erkennen, ist ein toller Weg, an und mit sich selbst zu arbeiten.“

Mehr als irgendeine andere Generation vor uns ist unsere mit dem Verständnis aufgewachsen, die Verbindung zu unserem inneren Selbst (oder was auch immer) ganz entscheidend für unser gesamtheitliches Wohlbefinden ist. Vorurteile gegen Psychotherapien sind so gut wie aufgelöst, und sich um sich selbst zu kümmern bedeutet nicht mehr nur, einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen, sondern ist zum kulturellen Trend geworden – und das ist einfach zu verstehen. Bei den Stressfaktoren, denen die „Ich-Generation“ ausgesetzt ist, und den psychologisch fordernden Umständen unserer Zeit brauchen wir weiß Gott Beistand. Aber für viele ist eine Therapie – die offensichtlichste Zuflucht – zu teuer, zu zeitaufwändig oder erfordert zu viel Mut. „Ich war bei einigen Therapeuten und hatte sehr viele Therapiestunden, und trotzdem sind wir niemals dort angekommen, worüber ich wirklich reden wollte“, sagt Kredell. In der Astrologie dagegen „kann ich über eine Sache, die mich beschäftigt, sprechen, und: Bang, wir sind da, wir reden darüber.“

Ketai hingegen ist der Überzeugung, dass metaphysische Werkzeuge keine Abkürzung sind: „Ich sehe Tarot, Astrologie oder Kristalle definitiv nicht als Substitution und würde sie niemals als Ersatz für eine Therapie empfehlen“, sagt sie. „Ich weiß, dass es in unserem Gesundheitssystem einige Barrieren gibt, aber es gibt einige Wege, um an psychische Gesundheitsfürsorge zu kommen, entweder umsonst, in einem gestaffelten Tarif oder über eine Versicherung.“ Aber, um ehrlich zu sein: Wenn ich meine Horoskope und meine Tarotkarten ansehe, brauche ich etwas, das mein Therapeut mir nicht geben kann. Wenn ich mich der Metaphysik überlasse, erde ich mich selbst, um gleichzeitig mit dem Himmel verbunden zu sein.

Für solche wie uns gibt es wenig Platz in den wissenschaftlichen Regeln, die die Phänomene der Wahrscheinlichkeit und der Natur überwachen. Die Regeln der Astrologie, der Energieflüsse, des Tarot hingegen erlauben uns, unsere Gefühle und die Launen des Glücks denselben Bestimmungen zu unterwerfen, die den Wind und das Meer leiten. Doch den letzten Schritt, den des Wissens um unser Inneres, müssen wir selbst machen. Der Nachthimmel, die Todeskarte, die Kristalle auf der Fensterbank – das alles sind statische Objekte, regellos und unwissend. Ob wir ihnen erlauben, unser Handeln zu beeinflussen, liegt nur an uns.

Nylon
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