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Der Wachstumsschmerz – Persönliche Zeilen von Lena Meyer-Landrut

Lena Meyer-Landrut ganz persönlich: In diesem Stück aus unserer aktuellen Ausgabe #7 legt die Sängerin Wunden der Vergangenheit offen, versinnbildlicht Wachstumsschmerz, liefert am Ende die Wegbeschreibung zu sich selbst.


Text: Lena Meyer-Landrut // Titelillustration: Julia Massow // Fotos: PR

„Das Leben ist kein Wunschkonzert“, „man kann nicht alles haben“, „lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ – ist euch bewusst, wie viele Sprichwörter es gibt, die uns vom Träumen abhalten? Diese Worte bringen uns bei, dass man sich zufriedengeben sollte mit dem, was man hat. Dass es sich nicht lohnt, nach Größerem zu streben. „Träume sind Schäume“, lautet das Motto. Worte, die wir oft genug hören, werden unbewusst zu Glaubenssätzen. Die wiederum formen unser Weltbild und in letzter Konsequenz unser Selbstbild. Und vice versa. Diese Gleichung hat auch meine Geschichte bestimmt: Ich hatte früher das Gefühl, ich wäre nicht stark oder klug genug. Starke Personen haben keine Zweifel, ihnen fällt alles leicht und sie machen sich keine Sorgen, so dachte ich. Klug seien Menschen, die studiert und etwas gelernt haben – also gehöre ich nicht dazu. Wie gesagt: Weltbild = Selbstbild.

Selbst am Casting zum Eurovision Song Contest nahm ich nur teil, weil es ein Punkt in meiner imaginären Bucket List war. Ich gewann. Wir gewannen. Deutschland auf Platz eins beim Eurovision Song Contest und ich in einem Traum, den ich nie zu träumen gewagt hätte.

Ich bin bescheiden aufgewachsen. Meine Mum war eine liebevolle, aber auch konsequente Mutter. Wir hatten nicht viel, aber es gab auch keinen Tag, an dem ich das Gefühl hatte, mir würde etwas fehlen. Besonders nicht an Liebe. Ich war glücklich, ehrgeizig und willensstark in Dingen, die mir Freude brachten, aber auch nicht sonderlich ambitioniert in Situationen, die ich nicht als notwendig empfand. Ich hatte nie vor, Musikerin geschweige denn „Popstar“ zu werden. Mein einziges Ziel war es, glücklich zu sein und etwas zu tun, was ich liebe. Selbst am Casting zum Eurovision Song Contest nahm ich nur teil, weil es ein Punkt in meiner imaginären Bucket List war. Ich gewann. Wir gewannen. Deutschland auf Platz eins beim Eurovision Song Contest und ich in einem Traum, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Meine Welt veränderte sich schlagartig und ich versuchte hinterherzukommen.

Fremde, neue Welt mit viel Kritik: Erst mal zurückziehen

Die ersten zwei Jahre waren wie ein Rausch. Fast wie bei einer Achterbahnfahrt, in der alles an einem vorbeizieht und man eigentlich nur einen Bruchteil realisiert. Einem wird schwindelig, man fühlt sich orientierungslos: Es war eine neue, eine fremde Welt für mich und ich war froh, Leute um mich herum zu haben, die mir sagten, was man machen sollte und wie. Wenn ich vorher meinen Weg über mein Bauchgefühl bestimmt habe, schaute ich jetzt stärker auf die Hinweise im Außen. Was soll ich tun? Wo soll ich hin? Ich legte mehr Wert darauf, was andere sagten – und wie sie mich beurteilten. Natürlich gab es unter ihnen auch kritische Stimmen. Und sie taten weh. Ich hörte und las alles Negative und war verletzt. Ich beschloss, mich zurückzuziehen. Eine Distanz aufzubauen, indem ich eine Mauer errichtete. Jedes verletzende Wort war ein weiterer Stein für meine Mauer, die ich langsam um mich herum aufbaute. So kapselte ich mein wahres Ich von der Außenwelt ab.

„Ich legte mehr Wert darauf, was andere sagten – und wie sie mich beurteilten. Natürlich gab es unter ihnen auch kritische Stimmen. Und sie taten weh. Ich hörte und las alles Negative und war verletzt. Ich beschloss, mich zurückzuziehen.”

Unecht, zickig oder arrogant schimpften sie mich. Und tatsächlich wurde ich durch das negative Feedback trotziger und distanzierter. Ich fühlte mich missverstanden und gefangen in einem Teufelskreis der ständigen Bewertung. Heute sehe ich das ganz deutlich: Ich verlor meine Unbekümmertheit, meine Unvoreingenommenheit, ich verlor meine Mitte, verlor mich selbst. Aus neugieriger Lebensfreude wurde ein übervorsichtiger Erhaltungstrieb.

Angst und Wachstumsschmerz: Keine Gegner, sondern Helfer

Warum ich an dieser Stelle so ehrlich bin und meine Wunden offenlege? Ich glaube, dass es vielen von uns ähnlich geht: Während wir als Kinder noch ganz naiv nach den Sternen greifen, fangen wir als Erwachsene an, uns mehr auf den Schmerz beim Aufprall zu konzentrieren. Wir tauschen Freiheit gegen Sicherheit, wir tauschen Liebe gegen Angst. Dabei vergessen wir, dass wir nur durchs Hinfallen das Aufstehen lernen und nur so irgendwann das Laufen. Im Deutschen gibt es das schöne Wort „Wachstumsschmerz“ – das sagt so viel aus. Schmerz ist kein Gegner, sondern ein Hinweis darauf, dass wir gerade wachsen. Ebenso die Angst. Sie ist kein Hindernis, sondern nur ein Zeichen dafür, dass wir bekanntes Terrain verlassen und unsere Grenzen überwinden.

Ich habe viel gelesen, meditiert, mit Freunden gesprochen, ich habe mich zurückgezogen und versucht, alles auszublenden und in mir aufzuräumen, all die Mauern abzutragen.

Am Ende wurde mir klar, dass Worte eigentlich keine Macht über uns haben, unser Verständnis von ihnen aber sehr wohl. Wichtig ist nicht, was andere sagen, sondern was wir verstehen und daraus machen. Es kommt nicht darauf an, was uns passiert, sondern wie wir damit umgehen. Das zu meiner Wahrheit zu machen hat mir geholfen. Auch wenn es keine allgemeingültige Formel gibt, wie man mit Herausforderungen umgeht: Ich habe viel gelesen, meditiert, mit Freunden gesprochen, ich habe mich zurückgezogen und versucht, alles auszublenden und in mir aufzuräumen, all die Mauern abzutragen. Wieder offen und verletzlich zu sein. Als Künstlerin konnte ich meine innere Reise in meinen neuen Songs verarbeiten, darin bin ich so ehrlich und pur wie nie zuvor. Ich bin einfach ich. Dadurch habe ich es geschafft, meine persönliche „Krise“ nicht als Tiefpunkt zu sehen, sondern als Wendepunkt. Oder besser noch als Weggabelung, denn auch wenn ich dankbar bin für die vergangenen Schritte – meine Reise hat gerade erst begonnen…

Only Love, L

Nylon
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