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Tokio Hotel Rising – Bill Kaulitz im Interview

Teenie Stars und dann weg vom Fenster? Die Vermutung drängt sich auf, wenn man an die Megaerfolge von Tokio Hotel zurückdenkt. Aber die Band um die Kaulitz-Brüder ist bekannt für Transformationen und Überraschungen. Die treue Fangemeinde dürfte es also nicht wundern, dass die Jungs aus Magdeburg mit ihrem neuen Album „Dream Machine“ nochmal richtig durchstarten und auf großer Tour Schallmauern durchbrechen.

Fotos: Felix Krüger // Interview: Turid Reinicke // Styling: Olive Duran

Alle anderen dürfen Tokio Hotel jetzt aus ihrer Schublade herausholen und eingängigen Elektropop, abgefahrene Bühnenbilder und einen charismatischen Frontmann in extravaganten Kostümen neu für sich entdecken. Wir haben Bill Kaulitz in Berlin getroffen und eine Idee davon bekommen, warum die Tokio Hotel Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben ist:

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Mantel und Pullover: Dries Van Noten, Hose: William Fan, Schuhe: Converse

 Bei deinem Solo Projekt „Billy“ hast du im letzten Jahr noch eine schmerzhafte Trennung verarbeitet. Jetzt kommt „Dream Machine“: Neue Platte, neues Glück?
Es ist auf jeden Fall ein neues Kapitel. Die Songs sind viel verträumter und weniger poppig. Das Album liegt uns extrem am Herzen, weil wir dieses Mal alles selbst produziert, die Texte selbst geschrieben und alles selbst gemischt haben. Bei „Billy“ ging es ja um eine spezifische Beziehung, mit all den verschiedenen Trennungsphasen, die man dabei durchlebt. Beim neuen Tokio-Album sind wir eher nostalgisch, blicken zum Beispiel hier und da auf unsere gemeinsame Kindheit zurück. Denn genau das Gefühl war plötzlich wieder da: Dass es nur um uns vier geht. Als wir dieses Mal gemeinsam im Studio waren, war es ein bisschen wie damals im Proberaum. Darauf habe ich auch beim Schreiben der Texte immer wieder zurückgeblickt. Aber natürlich geht es auch auf „Dream Machine“ irgendwie um Liebe, denn das geht es ja irgendwie immer. Die kann schließlich verschiedene Formen haben. Das umfasst auch meine Beziehung zu Tom, oder die Verbindung die wir vier als Band haben.

Du sagst von dir selbst, sehr romantisch zu sein. Was ist denn das romantischste, das du je für jemanden gemacht hast?
Ich habe mal für jemanden eine Art Buch mit allen Erinnerungen und Erlebnissen gebastelt, über ein Jahr lang. Das finde ich schon sehr romantisch. Außerdem habe ich auch schonmal Ringe ausgetauscht und Schmuck anfertigen lassen. Oh, und ich habe jemandem mal einen Hundewelpen geschenkt. So richtig mit roter Schleife um den Hals. Das ist doch wohl romantisch, oder?

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Lackjacke: Stutterheim, Jacke mit großem Kragen: Ivanman

Glaubst du, dass unerfüllte Liebe die romantischste ist?
Ich will es nicht hoffen. Tom sagt immer, ich werde nie eine funktionierende Beziehung haben, weil ich das gar nicht kann. Das ist natürlich furchtbar! Ich glaube nämlich, dass ich das sehr wohl kann. Und genau das wünsche ich mir auch. Aber tatsächlich hatte ich so eine Beziehung eben noch nie. Trotzdem glaube ich daran, dass man auch eine Liebe finden kann, die eben nicht ständig wehtut, sondern eine, die einen zum besseren Menschen macht. In der man zu zweit besser ist als alleine. Aber vielleicht erfährt diese Liebe auch einfach nicht jeder. Es ist eben doch ein sehr großes Glück, so etwas zu finden.

Bei „Dream Machine“ geht es also um den Rückblick darauf, was man alles schon so erreicht hat. Und der Blick nach vorne: Was steht bei dir ganz oben auf der Bucket List?
Ich würde sehr gerne eine eigene Klamottenlinie entwerfen. Als ich solo unterwegs war, habe ich für die Bühne ein Cape entworfen, ein richtiges Fashion-Piece. Und da kam die Lust auf eine eigene Kollektion. Darauf würde ich mich aber auch komplett konzentrieren wollen und nicht nebenbei noch auf Tour gehen oder ein Album machen. Man muss ja auch erstmal seine Signature finden. Als Inspiration würden aber bestimmt Yves Saint Laurent und Dior dienen – zwei meiner Lieblingslabels. Und einen Club würde ich gerne mal eröffnen. Ein eigener Nachtclub – das finde ich geil! Wo ich mich in der Gestaltung richtig austoben kann… Ja, ich hätte gerne den geilsten Nachtclub Europas.

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Anzug: Atelier NA

Es mangelt also nicht an großen Vorhaben. Zweifelst du auch manchmal an dir selbst?
Klar denke ich auch mal „Ich pack das nicht“. Aber dann ziehe ich es trotzdem durch. Ich mache einfach weiter. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man die Sache, die man tut, im Kern wirklich liebt. Deshalb machen wir auch mit Tokio Hotel nur noch Dinge, die wir zu tausend Prozent richtig gut finden. Genau das ist mein Motor. Es gibt sicher auch Bands die immer dieselbe Linie fahren, weil sie wissen, dass es funktioniert. Mir schlafen bei so etwas die Füße ein.

Obwohl ihr euch privat sogar nach Kalifornien zurückgezogen habt, ist eure Fanbase unerschütterlich. Social Media hilft dabei nicht gerade, die Distanz zwischen Fans und Stars zu bewahren. Sind Instagram, Snapchat und Co für euch Fluch oder Segen?
Es ist beides. Wir haben tatsächlich eine sehr intensive Fanbase. Das ist natürlich toll und außergewöhnlich. Wenn du nämlich hingegen bloß viele Follower bei Instagram hast, aber niemand zum Konzert kommt, ist das ein Problem. Aber das ist irgendwie so ein Phänomen, das es immer häufiger gibt. Es gibt kaum noch echten Fankult. Wir kommen noch aus einer Zeit in der das anders war, deswegen haben wir noch echte Fans. Aber privat ist das manchmal super anstrengend und auch ermüdend. Deshalb sind wir ja auch kurz mal nach L.A. abgehauen… Jeder muss da eine Balance finden. Das habe ich heute erst geschafft. Ich habe auch Momente, da will ich einfach nichts posten. Und so super private Sachen findet man bei meinem Instagram-Account auch nicht. Es sind eher schöne Aufnahmen. Unser Haus, die Familie oder Freundinnen gibt es nicht zu sehen.

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Jacke: Ivanman, Jeans: Diesel Black Gold, Schuhe: Converse 

Angenommen, eure Bandgeschichte würde in Hollywood verfilmt werden, wer würde euch spielen?
Ich finde David Kross total gut – der müsste auf jeden Fall mitspielen. Und ich liebe Kevin Spacey, aber der könnte vielleicht eher den Tourmanager spielen als mich.

Du bist ja bekannt dafür, dich immer neu zu erfinden. Welche Version von dir dürfen wir denn als nächstes kennenlernen?
Ich plane das überhaupt nicht. Das passiert einfach. Ich liebe Mode, ich liebe Wandlung. Das ist auch ein Lebensgefühl. Wenn ich mich nicht gut fühle oder richtig down bin, trage ich ein sehr selbstbewusstes Outfit. Das gibt mir dann sofort eine andere Power. Wenn ich irre müde bin, dann trage ich gerne alles in weiß. Ich mache das nach Lust und Laune. So auch bei meinen Haaren. Ich kann mir gerne morgen eine Glatze rasieren und den Tag danach eine Perücke aufsetzen. Auf der Tour kann man jedenfalls wieder sehr viele Kostüme erwarten…

Bist du bei deinen Tattoos auch so intuitiv?
Ja, total. Mein Skelett-Tattoo auf der Hand war zum Beispiel total spontan. Der Tätowierer hat es auch ohne Vorzeichnung direkt aufgestochen. Mein nächstes Motiv ist auch nicht in Planung. Es könnte aber durchaus sein, dass ich morgen mit Tom spontan zum Tätowierer gehe und dann denke: „Joah, mach doch mal.“ Ich habe letztes Jahr sogar einen Fan selber tätowiert. Ich hab so etwas noch nie gemacht, es war also alles freestyle. Sieht jetzt ein bisschen aus wie ein Knast-Tattoo – aber hat definitiv Charme!

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Jacke: Stutterheim, Hose: Tiger of Sweden, Sonnenbrille: Andy Wolf 

Wie nehmt ihr als Wahl-Kalifornier die politische Situation mit Donald Trump als neuen Präsidenten wahr?
Wir waren seitdem gar nicht wieder in de USA. Aber als Trump tatsächlich gewählt wurde, war das ein riesiger Schock. Ich kann das auch immer noch gar nicht glauben. Es ist so, als würde man die Welt um 100 Jahre zurückdrehen. Da denkt man, wir sind alle fortschrittlich und dann wählt so ein riesiges Land diesen Mann. Das ist schon hart. Wer weiß, ob ich demnächst überhaupt noch ein neues Visum kriege – vielleicht bin ich auch bald schon wieder zurück in Deutschland.

Was ärgert dich dabei am meisten?
Ich empfinde das als persönlichen Angriff auf meine Freiheit. Auch als Künstler. Ich singe über Freiheit, Liebe und auch über freie Liebe. Ich will hingehen können wo ich will, leben wo ich will, sagen was ich will und Sex haben mit wem ich will. Das ist einfach wichtig. Ich bin gerade ganz froh, dass ich hier bin und das Debakel in den USA nicht live miterleben muss.

Ich habe gehört, ihr könnt euch auch gut vorstellen in Thailand zu leben?
Total. Ich habe echt Lust, nochmal was Extremes zu machen. Mit dem Rucksack rumzuziehen, ohne viel Kohle. Ohne dickes Haus, einfach ein bisschen Abenteuer. Oder nach Indien und dort ein Jahr mit dem Bike durch die Gegend zu cruisen. Und wenn man nichts zum Schlafen findet, muss eben ein Palmenblatt reichen.

Zurzeit seid ihr ja erstmal mit dem Tourbus statt auf Fahrrädern unterwegs. Wer schläft oben, wer unten?
Das ist ziemlich ungerecht aufgeteilt: Tom und ich haben beide eine Suite im oberen Teil und Georg und Gustav haben nur ein Bett. Aber ich brauche als Sänger ja auch am meisten Schlaf und muss unbedingt gesund bleiben. Partymäßig ist das alles sehr langweilig, wir trinken in erster Linie Tee.

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Pullover: Ivanman, Jeans: Diesel Black Gold 

Was machst du, wenn das Einschlafen mal nicht so gut klappt?
Auf jeden Fall nicht kiffen. Das macht in Los Angeles jetzt jeder, weil es dort nun legal ist, aber ich vertrage das nicht mehr. Ich wünschte, ich könnte auch den ganzen Tag stoned durch die Gegend laufen. Als ich jung war, konnte ich damit super schlafen. Heute bin ich dann eher „socially awkward“. Lieber also was trinken, am besten Whiskey Cola, und einen Film gucken. „Stranger Things“ habe ich zum Beispiel geliebt.

Wie sehr seid ihr denn in die Planung eurer Live-Show integriert?
Ihr müsst euch das so vorstellen, dass tatsächlich jede kleine Lampe von uns persönlich durchdacht ist. Die ganze Show ist von uns. Alle Instrumente von uns eingespielt, wir sind ja nur drei Musiker. Wir haben sieben Laptops im Betrieb. Das ist technisch ein Riesenakt, alles live zu transportieren. Alle Effekte sind auch einstudiert. Wir improvisieren nie, sondern dahinter steht ein richtiges Konzept. Es ist so gedacht, dass die „Dream Machine“ gelandet ist. Ich bin der Pilot und die anderen sind meine Co-Piloten.

Und wo geht die Reise hin?
Schauen wir mal. Aber natürlich durch unsere Alben. Da ist es dann eine große Herausforderung, „Monsun“ in einem Set von 2017 zu spielen. Als Fan willst du das Lied natürlich so hören, wie du es kennst. Wir suchen dann nach einer Mischung wie es uns noch Spaß macht und die Fans trotzdem glücklich sind. Und ich denke, das bekommen wir ganz gut hin.

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Anzug: Atelier NA 
Turid Reinicke
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