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Die finnische Brand Marimekko bringt euch alles übers Leben bei

Lebenslektions-Einmaleins. 

Text: Laura Studarus // Bild: Marimekko

Das Headquarter von Marimekko, gelegen etwa ein halbes Dutzend Tram-Stopps außerhalb von Helsinki in Finnland, wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar. Wäre da nicht dieser anhaltende Strom von Fußgängern (in der Regel erklärte Design-Fans, die es in die industrielle Vorortgegend zieht, wo der Outlet Store der Brand angesiedelt ist) und das kleine Zeichen auf ihrem ikonischen Font, wäre es leicht, die unscheinbare graue Lagerhalle, die als Headquarter der Marke dient, zu übersehen.

Innendrin hingegen ist das Gebäude eine real gewordene Stätte für Mode, so wie man sie sich vorstellt. Angefangen bei einem Café in dem die Besucher mit den Designern gemeinsam zu Mittag essen können (natürlich auf Marimekko-Tellern) über die professionellen Showrooms, bis hin zur hauseigenen Produktion, wo Arbeiter Farbe auf handgemachte Leinwände auftragen. Gelegentlich führt der kreative Spirit diese Künstler auf seltsame Pfade, hin zu Objekten, die mit dem Marimekko-Funkeln versehen werden, etwa Fernseher oder Spazierstöcke. Dieser Tage aber konzentriert sich die Firma auf Mode, Stoffe, Haushaltsartikel und Accessoires, die saisonal definiert und verfeinert werden.

„Ein berühmter Satz des Gründers lautete einst Marimekko könnte alles sein. Eine Eisdiele, ein Blumenladen, Jazz’“, erklärt Lila Vertanen, die Marimekko-Pressesprecherin. „Es hat einfach nur die Form einer Lifestyle-Marke angenommen. Und wenn man in der Geschichte zurückblickt, kann man sehen, dass es bereits eine Menge verschiedener Formen gab.“

Aber was genau fasziniert uns seit 66 Jahren an den leuchtenden Farben der Firma, den mehrdimensionalen Prints und den flatternden Kleidern? Immer mit einem hohen Anspruch an Kollaborationen, Gleichwertigkeit und Kreativität, ist das breit gefächerte Spektrum des Marimekko-Outputs nur ein Aspekt von vielen, die das Unternehmen richtig macht. An dieser Stelle sagt Vertanen, kann jeder eine Menge vom Erfolg dieses Unternehmens lernen.

Eine misslungene Idee bedeutet nicht, zu versagen
Jede gute Idee hat ihre Zeit und ihren Raum – man muss sich nur einfach voran bewegen, neue Dinge ausprobieren und den Menschen rundherum gut zuhören. Obwohl Marimekko sich auf dem Fashion-Sektor einen Namen gemacht hat, verrät Vertanen, dass die heutigen Signature-Kleider der Brand eher nachträglich ins Spiel kamen. Sie erzählt:

In den 50er Jahren, der Nachkriegszeit in Finnland, gab es diese Frau, sie hieß Armi Ratia. Sie dachte darüber nach, wie sie wieder Glück und Freude in das tägliche Leben der Menschen bringen konnte. Finnland war sehr arm zu der Zeit. Es war eine graue Zeit hier. Sie dachte darüber nach: Was könnte ich tun? Sie fand weibliche Künstlerinnen und bat sie, große farbenfrohe Drucke für die Produktion zu malen. So kam es, dass die unterschiedlichsten Arten von Drucken entstanden sind. Die Menschen liebten das! Aber es war kein Erfolg, denn die Leute kauften diese Drucke nicht. Also organisierte sie eine Modeschau. Die Künstlerinnen kreierten einzigartige Drucke für die Show – um die Besucher zu inspirieren. Die Menschen liebten das und alle Teile waren im Handumdrehen ausverkauft. Das war alles andere als beabsichtigt. Aber die Leute wollten mehr. Nur fünf Tage nach der Show entschied Armi Ratia Marimekko ins Leben zu rufen.

Lerne von der Vergangenheit
Natürlich, Innovation ist toll, aber tappt nicht in die Falle zu kreieren, nur um etwas ‚Neues’ zu schaffen. Während Marimekko im letzten Jahr mit der Ankündigung einige original Kleider der Vergangenheit neu aufleben zu lassen für Furore sorgte, ist dieser Schritt nicht ganz unüblich für das Mode-Haus. Immer wieder werfen sie einen Blick zurück auf das, was Erfolg hatte und verwenden es als Basis für Designs mit Zukunft. Es gibt einen Grund dafür, dass ihre ikonischen, poppigen Designs unter den Mitarbeitern liebevoll ‚The Poppy’ genannt werden – wie ein hoch geschätzter Kollege. Wie ein altes Sprichwort besagt: „Wenn es nicht zerbrochen ist, musst du es nicht reparieren.“

„Wir haben hier ein riesiges Archiv“, sagt Vertanen. „Für jede Kollektion wählen wir einige Drucke aus dem Archiv, manchmal probieren wir neue Farben aus.“ Oder wir verändern die Größe des Prints. Wir sehen ‚The Poppy’ groß und klein. Das Ergebnis mischen wir dann mit neuen Drucken … überlappende Drucke sind ein wichtiger Bestandteil unserer Historie. Das möchten wir gerne fortsetzen, auch wenn wir mit den modernen Maschinen heute alles umsetzen könnten, was wir möchten. Aber kleine Unperfektheiten sind einfach interessanter für das Auge. Man nimmt sie oft erst wahr, wenn jemand explizit darauf hinweist. Die Farben überlappen.“

Wenn man sich eine Auszeit nimmt, geht die Welt nicht unter
Am Tag unserer Unterhaltung glich die Produktion einer Geisterstadt. Abgesehen von der Tatsache, dass die Fabrik über eine Million Meter Stoff pro Jahr bedruckt, fährt die gesamte Belegschaft im Juli in den Urlaub. Keine heimlichen Ausflüge ins Büro, null E-Mails. Die Erkenntnis daraus, die Maschine einfach 31 Tage lang anzuhalten lautet: Es ist vielleicht das gesündeste, was eine Firma überhaupt tun kann.

„In Finnland gibt es ein großes Verständnis für eine gesunde Work-Life-Balance, das ist sehr wichtig für uns“, sagt Vertanen und lacht. Wenn man sich eine Auszeit nimmt, hat man nach seiner Rückkehr einfach wieder deutlich mehr Energie. Man gelangt zu neuen Ideen, sieht die Dinge vielleicht aus einem anderen Blickwinkel.“

Freundschaften pflegen
Wenn man sich an Gruppenprojekte in der Schule erinnert, war es doch immer so, dass es zwei Arten von Menschen gab: Jene, die die Arbeit gemacht haben und solche, die nur passives Beiwerk waren. Genau das ist Marimekko nicht. Mit Design- und Administrations-Büros in direkter Anbindung an die Produktion, ist die Kollaborationskultur gewissermaßen in die Substanz des Unternehmens eingewebt.
„Unsere Designer können kommen und gehen, mit den Mitarbeitern sprechen, neue Ideen entwickeln und sich inspirieren lassen, einfach da sein“, erklärt Vertanen.

„Wenn wir ein Vorreiter im Bereich Print-Design sein möchten, brauchen wir unsere eigene Produktion. Wir brauchen unseren eigenen Spielplatz, ein kreatives Labor. Wenn wir das auslagern würden, wäre es nicht das gleiche. Wir kennen jeden, der hier arbeitet. Wir können den Dialog haben und das Design. Das ist das Herzstück der Kreation und der Brand.“

Die Frauen unterstützen
Ein schallendes duh hierauf. Während das Glasdach einige Risse in Kauf nehmen musste, würde es niemals komplett einbrechen, so lange Frauen zusammen arbeiten. So läuft das bei Marimekko von der Führungsetage bis hinunter in die Fabrik, wo die Arbeiter jedes Stück Stoff auf Fehler untersuchen.
„Natürlich verfolgen wir keine Philosophie, die vorgibt eine Frau sein zu müssen, um hier zu arbeiten“, betont Vertanen. Das wäre merkwürdig. Aber vielleicht sind es die Farben und Schnitte oder die Atmosphäre, die Frauen anziehen. Momentan arbeiten 94% Frauen hier. Unsere CEO (Tiina Alahuhta-Kasko) ist eine 35-jährige Frau.

In der Führungsetage sitzen momentan ausschließlich Frauen. Das Unternehmen wird also weiblich geführt. Das ist schon seit den 50er Jahren so, aber heutzutage ist es wirklich relevant. Die Menschen machen sich Gedanken über die Rechte von Frauen, die Rechte der Menschen im Allgemeinen. Wir müssen für uns selber einstehen und tapfer sein.

Den kommenden Generationen das Werkzeug zum Erfolg an die Hand geben
Die Kinder sind okay. Und, wie Vertanen betont, arbeite man hart daran, der nächsten Generation den Schlüssel zum Erfolg an die Hand zu geben.

„Wir haben dieses Projekt namens ‚Design-a-thon’ ins Leben gerufen, im Rahmen dessen wir 50 junge Kreative einladen, mit unseren Mustern ein Virtual-Design-Objekt zu kreieren“, erzählt sie. Die letzte große Runde fand im September hier statt. Wir überlegen, was wir Lustiges machen könnten, zu Ehren von Finnlands hundertstem Geburtstag. Etwas, das auf unserem Erbe basiert und dieses gleichzeitig in die Zukunft projiziert. Die alte Tradition der Textilindustrie auf eine gute Art und Weise herausfordern. Um herauszufinden, ob wir etwas Neues und Lustiges kreieren können.“

 

Robin Micha
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