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Leerer Blick wie Billie: Was das „Dull Eyes”-Phänomen über Millennials & die Gen Z verrät

Billie Eilish prägt sie gerade wie keine andere, aber eigentlich finden sich die düsteren „Dull Eyes” schon in der Kunstgeschichte. Was es mit dem trübsinnigen Blick auf sich hat und warum er vielleicht zum größten Trend unter Millennials und der Generation Z wird – wir haben Dull Eyes für euch ins Auge gefasst.

Text: Jane Drinkard // Headerbild: Screenshot via Youtube/NYLON.com

Don’t you know too much already
I’ll only hurt you if you’ll let me

-Billie Eilish, „when the party’s over”

Im Musikvideo zu ihrem Song „when the party’s over” bluten Billie Eilishs Augen schwarz. Es ist schwer mit anzusehen, wie die trostlose Flüssigkeit aus ihren Augen spritzt und sprudelt. Alles wirkt zu verletzlich, zu blutig, zu traurig. Seit der Veröffentlichung ihres Album „when we all fall asleep, where do we go?” fluten Bilder von Eilish die Seiten von Magazinen (und vorher schon in unserer Ausgabe #4 😉), und in fast allen von ihnen sehen wir zumindest eine angedeutete Version der „blutenden Augen”: Billie starrt unbeteiligt Blicke auf die Kamera, völlig unzufrieden, die hängenden Lider über ihren gräulichen Augen. Ich nenne das „Dull Eyes”, also trübe oder „stumpfe” Augen.

Ich denke dabei an all die VOGUE-Ausgaben, die ich in Nagelstudios und Flughäfen durchgeblättert habe, voll mit Frauen, die den gleichen „Schlaftabletten”-Blick haben. Ich denke an die Instagram-Models und Influencer auf meiner Entdecken-Seite, wie sie losgelöst mit der Hand an den Lippen posen. Ich denke an all „edgy” Selfies mit offen verführerischem Blick, die ich Freunden geschickt habe. Ich denke an Gigi Hadid, die letzten Herbst für Marc Jacobs’ Grunge-Collab mit Perry Ellis posiert: Sie schaut den Betrachter an, die Augen von einem schlaflosen rosa Rosa umrandet, die Haare zerzaust. Und ich denke an Rihanna, die in einer Fenty Beauty Kampagne über ihre Schulter direkt in die Kamera starrt, wie von Nebel umgeben, mit kreischend blauem Lippenstift. Dieser vertraute Look vermittelt sowohl Kraft und Lässigkeit, Sinnlichkeit und Widerstand – aber wie hoch ist sein kulturelles Ansehen? Und was sagt seine Bedeutung über unsere Kultur aus?

Offen und ehrlich: Immer mehr Künstler thematisieren psychischen Struggle in Songs

Die letzten Jahre waren ohne Zweifel hart, und das zeigt sich in der Kunst, die wir produzieren. Craig Jenkins schrieb letzten Sommer in seinem „Vulture”-Artikel „Why Are All The Songs of the Summer So Sad?”: „Die wachsende Rassen-, Klassen- und politische Spaltung des letzten Jahrzehnts hat einen Boom für Self-Care-Songs ausgelöst…die die Zuhörer dazu anregen, mit ihren Emotionen in Kontakt zu treten.” Self-Care erfordert jedoch immer die Anerkennung und einen offene Umgang mit den Tiefen unserer Trauer und Taubheit.

Immer mehr Künstler beziehen ihren Struggle mit psychischer Gesundheit offen in ihre Arbeit ein und beweisen gleichzeitig, dass diese Einbindung Charts toppen kann. Dazu kommt die Tatsache, dass in den USA beispielsweise der Missbrauch von Angstblocker-Medikamenten wie Xanax zunimmt und wir immer noch mit einer Opioid-Epidemie zu kämpfen scheinen. Der Chicagoer Rapper Juice WRLD, Demi Lovato, Selena Gomez und der verstorbene Mac Miller haben alle in ihren Texten Themen wie Angst, Depression oder Nüchternheit thematisiert. Und das gilt auch für die Art und Weise, wie sie sich auf ihren Social-Plattformen und Fotos in Zeitschriften präsentieren. Ihre jeweiligen Fame-Routen sind dank Social Media miteinander verschmolzen: Ein Musiker ist ein Influencer ist ein Mode-Mogul. Aber musst du eigentlich noch auf Xanax sein oder einfach so aussehen, als ob?

Ein Blick als Uniform – Dull Eyes sind Modetrend

Dull Eyes eignen sich besonders gut für Selfies. Um den typischen Blick zu erzielen, darf man nicht direkt in die Kamera schauen. Und viele der Plattformen, auf denen wir Selfies posten (Snapchat, Instagram DMs), implizieren eine gewisse Lässigkeit oder Leichtigkeit, die durch Dull Eyes verkörpert wird. Ganz nach dem Motto: „Ich habe nicht zu viel darüber nachgedacht, aber hier ist ein Bild von mir, mal eben so aus dem Handgelenk geschossen. Schnell, einfach und nicht ernsthaft.

Dawnn-Karen, Modepsychologin und Professorin, hat eine Theorie namens „Mood Illustration Dress” entwickelt, die in ihrer vereinfachten Form die„Identifikation und das Artikulieren der eigenen Emotionen durch Kleidung” bedeutet. Betrachtet man den „Dull-Eyes”-Blick als eine Form der Kleidung, vergleicht Karen das Geschehen in der Gesellschaft mit einer Art Fashion Show. Sie erklärt, dass der Trend zu Dull Eyes mit steigendem Druck zunehmen kann: „Du bist eine Berühmtheit, du bist ein Influencer”, sagt sie. „Dann lastet das Gewicht der Welt auf dir, in der du nur versuchst, darüber hinwegzukommen, und vielleicht sind Dull Eyes der Weg, wie du die Kontrolle behalten kannst.” Als Beispiele nannte sie Kylie Jenners Ex-BFF Jordyn Woods und die High-Society-Schwindlerin Anna Delvey; zwei Frauen, die für ihre jeweiligen, völlig unterschiedlichen Verstöße eine Art digitalen scharlachroten Buchstaben auf der Brust tragen.

Fuck Drama, let’s Party: Sarah Bahbahs Kunst verkörpert die Dull-Eyes-Mood

 

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Viele der Arbeiten der Künstlerin Sarah Bahbah zeigen ebenfalls einen „stumpfen Blick”. Mit 934k Instagram-Followern und Kooperationen mit Brands wie Gucci hat sich Bahbah den digitalen Hunger auf Sehnsucht und Schmerz erschlossen. Auf ihrer Website beschreibt sie ihre Werke als eine Art Stimme für „das Paradoxon, gleichzeitig Intimität zu wollen, sich aber auch nach Isolation zu sehnen”. Ihre untertitelten und skurrilen Bilder zeigen Crushes wie Noah Centineo und Dylan Sprouse. In einem Beitrag schaut ein Model von oben auf die Kamera und raucht eine Zigarette, begleitet vom Untertitel „Fuck Drama. Let’s Party”. Auf einem anderen Bild liegt Centineo von Sonnenlicht besprenkelt auf einem Kissen, seine Lider sind schwer. Hier lautet der Untertitel: „Ich träumte, wir wären verliebt, dann wachte ich auf”. Sarahs Arbeit erinnert mich an Abende, die ich als Teenager damit verbracht habe, durch Tumblr zu scrollen, während ich versuchte, meine eigenen überdimensionalen Emotionen zu verstehen und Trost in den romantisierten und dramatischen Posts über Herzschmerz, Crushes und Depressionen zu finden.

 

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Ich fragte Bahbah, was sie vom Dull-Eyes-Trend halte. Sie sieht ihn als eine Opposition zu traditionellen Machtposen und als eine Möglichkeit, durch die Geistlosigkeit und Leere unserer Insta-Feed-Kultur zu schneiden, Kontrolle zurückzugewinnen und eine persönliche Wahrheit zu erhalten. „Wenn dich alle anschauen, wie willst du sie dann anschauen?”, fragte sie mich. Sie verstehe Dull Eyes als Möglichkeit, Grenzen zwischen Influencern/Promis und ihren Zuschauern zu ziehen. Es ginge um das Gefühl, zum Posten verpflichtet zu sein, aber zu wissen, dass man an einem Stück Privatsphäre festhalten muss, um in der „digitalen Welt zu überleben”.

Warum der stumpfe Blick für Risiko und Attraktivität steht

Dr. Carolyn Mair, Professorin für Modepsychologie, liefert dazu eine akademische Sichtweise, die Bahbahs Romantizismus ergänzt: „….ein solcher Blick erinnert an den „stoned” Blick.” In Research-Ergebnissen von 2014 fand man heraus, dass risikofreudiges Verhalten als attraktiv für potenzielle Partner angesehen wird, wie Mair berichtet. „Wenn der/die BetrachterIn die Person mit Dull Eyes als Risikoträger einordnet, würde er/sie sich fragen, ob sie nicht zusammen Risiken eingehen könnten.” Dies kann ein attraktives Angebot für jemanden darstellen, der sich in den ersten Stadien eines Flirts befindet und sich entscheiden muss, welcher Song als nächstes auf Spotify abgespielt wird oder welchen Duft man kaufen sollte.

So wie Risikoträger und Bad Boys (oder Girls) immer heiß und faszinierend sein werden, sind Dull Eyes ebenfalls nicht ganz neu. Die Grunge-Ästhetik der 90er Jahre – ein großer Moment für Dull Eyes – kommt und geht in der Mode, wie die Überflutung von Birkenstocks und zerfetzte Seidenkleidern im Street Style gerade beweisen. Marc Jacobs’ Rolling-Stones-inspirierte Grunge-Kollektion von 1993 war ein kritischer Flop und – so Jacobs in einem Interview – „legte Angst offen“. Angst vor dem Makellosen, vor Frauen, die die Fähigkeit haben, zwei Dinge auf einmal zu sein: schmutzig und zusammengewürfelt, jungfräulich und „schlampig”. Und genau dabei spielt der stumpfe Blick eine Rolle. Er sagt: Du kannst mich ansehen, aber du siehst nicht das ganze Bild.

Doch nichts Neues? Dull Eyes in Kunstgeschichte und Vergangenheit…

Sogar in der Kunstgeschichte tauchen Dull Eyes auf. In Manets „Olympia” von 1890 blickt Olympia in scheinbar klassischer Dull-Eyes-Manier auf uns herab. Lisa Moore schreibt in ihrem wissenschaftlichen Artikel „Sexual Agency in Manets ,Olympia’” dazu: „…. das Gemälde kommt der traditionellen Rolle der Betrachter als Initiatoren von Bedeutung, Begehren und Konsum in Bezug auf das Werk zuvor und stattet die Figuren der Frauen  – Olympia selbst und die schwarzen Magd – mit dieser Wirkung aus.” Zu seiner Zeit rüttelte das Gemälde eine Reihe von künstlerischen und sozialen Konventionen auf, so wie es auch Dull Eyes weiterhin tun.

 

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So ist er also nicht wirklich neu, der trübe Blick – siehe auch Twiggy in den 1960er Jahren und natürlich Kate Moss in den 90ern – aber vielleicht wird ihre allgegenwärtige Präsenz durch die Notwendigkeit verstärkt, sowohl die Privatsphäre in einer Online-Welt zu schützen als auch die damit verbundene Einsamkeit zu unterstreichen. Vielleicht versuchen wir als Avatare, die nur noch für unsere Daten gezüchtet werden, eine Bedeutung zurückzugewinnen.

…und im Alltag

In einer Bar begegne ich Jungs über den Tresen hinweg manchmal mit einem typischen Dull-Eyes-Blick. Dull Eyes brachten mich in der Schule durch den Matheunterricht. Dafür gibt es viele Gründe: zu intrigieren, zu verführen, abzulehnen oder ein metaphorisches, endloses und existentiell gelähmtes Bild zu vermitteln.

Nachdem ihre Geschichte „Cat Person” viral ging, schreibt die Autorin Kristen Roupenian in einem Essay über ihren neugefundenen Fame: „Das Problem ist nicht, dass andere Leute an uns denken, sondern dass ihre Gedanken im Vergleich zu unserem eigenen komplizierten Selbstbild so flach und reduzierend sind. Da existiere ich schon und habe diese nicht-reduzierbare und mysteriöse Menge an menschlichen Erfahrungen gemacht, und alles, was du denkst, wenn du mir begegnest, ist, dass meine Haar seltsam aussehen….” Sie schließt damit: „Wir sind einfach nicht dazu bestimmt, uns selbst so zu sehen, wie es andere tun.”

Möglicherweise sind Dull Eyes am Ende dann nur das: eine Art Schildkrötenpanzer, in dem wir uns vor dem Ansturm äußerer Urteile und Projektionen schützen – ein Festhalten an einem Stück unseres dunklen inneren Selbst.

Nylon
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