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Wie ich gelernt habe, sexuelle Übergriffe in unserer Gesellschaft ernst zu nehmen

Die #MeToo-Bewegung hilft Opfern in einer Gesellschaft, in der sexuelle Übergriffe oft trivialisiert werden.

Text: Elena Sheppard // Bild: Getty Images

Es war Sonntagnacht, als der #MeToo-Hashtag erstmals meine Facebook-Timeline ausfüllte. Zunächst wusste ich nicht, auf was sich meine (zumeist) weiblichen Facebook-Freunde bezogen, aber dann stieß ich auf die Erklärung: „Wenn alle Leute, die sexuell belästigt oder angegriffen wurden, „Me too” als Status schreiben, könnten wir den Menschen ein Gefühl für das Ausmaß des Problems geben. Bitte copy/paste.”

Ich ließ diese Worte für eine Minute durch meinen Kopf gehen. „Angegriffen”, “belästigt”. Sie fühlten sich groß an, größer als alles, was ich je erlebt hatte. Me too? Ich auch? Für mich bedeutete sexueller Übergriff Vergewaltigung. Ich bin glücklicherweise kein Vergewaltigungsopfer und mich mit Frauen solidarisch zu erklären, die es sind, würde sich anfühlen, als würde ich ihr Trauma verharmlosen. Aber dann dachte ich mehr über das Wort „Angriff” nach. Was es in sexuellem Kontext wirklich bedeutet, ist: sexueller Kontakt, der ohne Zustimmung geschieht. Ist mir das jemals passiert? Nun ja, me too.

Während ich vor meinem Computer sitze und meinen Facebook-Feed aktualisiere („Mee too.” „Mee too.” „Mee too.”), kamen mir einige Momente meiner Vergangenheit in den Sinn. Wie ich über einen überfüllten Markt in Indien ging, als eine Person hinter mir durch meine Beine griff, meine Vagina packte und mich nach hinten riss. Zählt das? Zählt es auch, wenn ich das Gesicht dieser Person nie gesehen hab? Zählt es, obwohl ich in meinem Reiseführer gelesen hatte, dass so etwas immer wieder mit weiblichen Reisenden in Indien passiert?

Ich erinnerte mich an eine Nacht an der Uni, als ich spät allein von einer Party nach Hause ging und einen meiner männlichen Kommilitonen ein paar Schritte vor mir sah. Es war niemand sonst da, er war betrunken, und als ich an ihm vorbeigehen wollte, drehte er sich um und packte mich an den Schultern. „Ich werde dich nicht an mir vorbei gehen lassen, wenn du mich nicht küsst”, sagte er. Ich erinnere mich vage daran, wie ich antwortete: „Ich küsse dich nicht”, aber vor allem erinnere ich mich, wie geschockt ich war. Er rüttelte an meinen Schultern: „Du küsst mich besser, oder du hast keine Chance, nach Hause zu kommen.” Zählt es, wenn ich ihn geküsst habe? Zählt es, wenn alle dachten, er sei nett? Zählt es, dass ich sicher allein in meinem Zimmer ankam, mit nichts als meiner eigenen Erinnerung im Kopf, um mir zu beweisen, dass es wirklich passiert ist?

Was ist mit dem Fremden, der mir nach Hause folgte und mich an meine Hauswand drückte? Zum Glück war er wahnsinnig betrunken, so dass ich mich viel schneller bewegen konnte. Was ist mit den vielen Männern, die mir auf der Straße an den Arsch gepackt haben? War es meine Schuld, weil ich enge Kleider trage? Weil ich nachts noch unterwegs war? Weil ich einen größeren Hintern habe?  Und dann gibt es Social Media. Ich habe mich dafür entschieden, mein berufliches Leben weitgehend im Internet zu leben. Das bedeutet: häufige Nachrichten von Männern, die mir schreiben, sie hoffen, mein Freund würde mich schlagen oder dass ich vergewaltigt werde. Zählt das nicht auch dazu?

Ich könnte außerdem viele Momente wieder aufwärmen, in denen ich mich erniedrigt oder wie ein Objekt behandelt gefühlt habe. Aber alle Frauen und viele Menschen im Allgemeinen kennen solche Momente in ihrer eigenen persönlichen Geschichte, in der sie Scham, Erniedrigung und sexuelle Demütigung gefühlt haben.

Zunächst fühlte sich „Mee too” für mich persönlich wie eine Lüge an. Doch je mehr ich über diese Momente nachdachte – Momente, die ich mit einem Lachen abgetan hatte, versucht hatte, zu ignorieren oder einfach nie erwähnt habe – desto wütender wurde ich. Je mehr „Me too”-Updates ich sah, desto mehr wollte ich anlässlich der kleinen Verstöße schreien, die jeden Tag passieren und einfach nicht richtig sind. Sie sind vergleichsweise geringfügig, verglichen mit den unsagbaren sexuellen Traumata, die so viele Menschen erlebt haben, aber sie sind Aggressionen, die normalisiert wurden. Die widerlichen Blicke und hinterhergerufenen Sprüche, wenn man die Straße runtergeht, die Anzüglichkeiten, das Begrapschen und die unverhohlenen Forderungen, die dazu führen, dass man sich einfach nur verstecken oder schreien möchte. Und dann die Tatsache, dass man von Frauen erwartet, sie würden diese Momente – entweder still oder kokett – ertragen, während sie ihr Unbehagen herunterschlucken und sich fragen, ob das überhaupt gezählt hat. Ja, das tut es. Wir zählen. Me too.

Sexuelle Übergriffe und Belästigungen werden oft trivialisiert: „Blackout-Sex”, „schlechter Sex”, „verstehst du keinen Spaß?” Es ist beeindruckend, wie viele Frauen, wie viele Menschen, die zu Opfern geworden sind, nach vorne treten und ihren Schmerz als solches formulieren.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Frau, die ich kenne, keine eigene Version von „Me too” hat. Einen oder mehrere Augenblicke, in denen sich ihr Magen umgedreht hat und ihre Augen brannten – vor Wut oder Angst oder wahrscheinlich beidem. Natürlich will nicht jeder sein Trauma teilen, und wir sollten es auch nicht erwarten. Das Schweigen macht ihren Schmerz oder ihre Wahrheit nicht weniger real. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass Menschen ihre Seelen entblößen, damit wir sexuelle Gewalt oder Belästigung als etwas Böses verstehen.

Mittlerweile sind in meiner Timeline viele männliche Stimmen hinzugekommen, die schreiben, dass es ihnen leid tut, dass sie uns glauben, dass sie nicht wussten, wie schlimm es für uns ist, dass sie niemanden kennen, der jemals so etwas tun würde, dass sie uns brauchen, um ihnen zu zeigen, wie man es besser macht. Wie man es besser macht? So: Macht euch klar, dass ihr ganz bestimmt Typen kennt, die so etwas tun. Erkennt Ungleichheit im System. Versteht, dass Frauen jahrhundertelang so behandelt wurden und wehrt euch dagegen. Seid besser, macht es besser und lasst nicht Frauen die ganze Arbeit machen.

Für viele Frauen stellt ihr „Me too” ein unaussprechliches Trauma dar – eine Straftat oder ein Angriff, für die oder den der Täter möglicherweise inhaftiert wurde. Für andere, wie mich, repräsentiert es die tägliche Belästigung, der wir gegenüberstehen, die endlose Flut von Blicken, Worten, Forderungen und Körperkontakten. Die Art und Weise, wie wir dazu gebracht werden, uns klein, bloßgestellt oder unwohl zu fühlen. Die Art und Weise, wie diese Momente, diese winzigen Folgemomente, dazu führen können, dass wir uns fragen: Ist mein Schmerz real? Zählt das? Und außerdem, zähle ich? Er ist real. Es zählt. Ihr zählt. Me too.

 

Robin Micha
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