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Wie Betroffene mit News über sexuelle Gewalt umgehen können

Die schlechten Nachrichten über sexuelle Gewalt nehmen kein Ende. Gerade erst wurde Brett Kavanaugh zum obersten Richter der USA ernannt, obwohl er von mehreren Frauen wegen sexueller Belästigung angeklagt wurde. Wir haben mit der Expertin Sara Frischer darüber gesprochen, wie Opfer trotz der Nachrichtenflut negative Flashbacks vermeiden können.

In den letzten Jahren wurden wir mit Nachrichten über sexuelle Gewalt und Körperverletzung überschwemmt, vor allem im Bereich der Medien und Politik. Mit Brett Kavanaughs gestriger Ernennung zum obersten US-Richter erreicht dieses Problem nun aber ein ganz neues Level an Absurdität. Obwohl der 53-jährige von mehreren Frauen des sexuellen Übergriffs beschuldigt wird, ist er seit gestern Vorsitzender des Supreme Court. Seit Beginn dieses Falls erschienen Tonnen an Artikeln und Berichten darüber, teilweise mit eindringlicher grafischer Gestaltung und extrem detaillierten Berichten der Opfer.

Ich habe diese Berichte nicht nur selbst gelesen, sondern auch geschrieben und mich dementsprechend mit der furchtbaren Art und Weise befasst, wie die mutmaßlichen Opfer von Kavanaugh und seinen Anhängern – Trump inklusive – behandelt wurden. Das alles hat seine Narben bei mir und wahrscheinlich auch anderen Opfern hinterlassen, die sich informieren wollen, ohne dabei an das eigene Trauma erinnert zu werden.

Bei der Nachrichtenflut von heute muss man scheinbar damit rechnen, dass der Preis für die Informiertheit die eigene Gesundheit sein kann. Doch eigentlich muss das nicht sein: Es gibt tatsächlich Wege, schmerzhafte Trigger zu vermeiden. Um das herauszufinden haben wir mit Sara Frischer gesprochen. Sie ist Krankenpflegerin in der psychiatrischen Abteilung in der Union Square Praxis in New York und hat ein paar gute Ratschläge, wie ihr euch durch die Nachrichtendschungel navigieren könnt, ohne dabei schlechte Erinnerungen zu wecken.

Es gibt einige Dinge, die unliebsame Momente wiederaufleben lassen können, sagt Frischer. Wir haben Frauen wie Dr. Christine Blasey Ford, Deborah Ramirez und Julie Swetnick einiges dafür zu verdanken, dass sie mit ihren persönlichen Erfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen sind. Aber: „Besonders für diejenigen Opfer, die nicht über ihr Trauma gesprochen haben oder dieses in irgendeiner Form verarbeitet haben, kann es ein extrem schmerzvoller Trigger sein, detaillierte Berichte anderer Opfer vor die Nase gesetzt zu bekommen“. Wenn Opfer die Anschuldigungen von anderen Opfern hören, kann es also passieren, dass sie ihre eigenen Erlebnisse innerlich nochmal durchstehen müssen.

Die Tatsache, dass die Geschichten der Ankläger von vielen Menschen in Machtpositionen entweder ignoriert oder abgestritten werden, trägt zusätzlich dazu bei. Frischer sagt zu der Reaktion, die Christine Blasey Fords auf ihre Aussage erhielt: „Die Richtigkeit ihrer Aussage wird in Frage gestellt und ich denke, damit haben die Überlebenden am meisten zu kämpfen.“ Über den Gedächtnisverlust von Dr. Ford bei ihrem Angriff sagt Frischer: „Eine unserer größten Überlebensmethoden in einem Trauma ist die Distanzierung davon, denn sie schützt uns. Und weil wir das Erlebte nun mal automatisch aus dem Gedächtnis verdrängen, können wir uns nicht an alles, was passiert ist, erinnern.“ Frischer stellt fest, dass diese Distanzierung fast immer der Fall ist und viele Überlebende von ähnlichen Erfahrungen berichten.

Was können Opfer also tun? Frischer sagt, dass sie eigentlich nicht informiert bleiben können, wenn sie die furchtbaren Nachrichten wirklich umgehen wollen. „Fakt ist, dass für einige Leute die Nachrichtenbeschaffung im Moment einfach eine schwer zu bewältigende Aufgabe ist.“ Es ist aber auch wirklich kein Zeichen von Schwäche, auf die vielen Artikel und Push-Mitteilungen zu verzichten, die den Opfern ständig von den neuesten schrecklichen Fällen berichten. „Ich denke, es ist sogar eine bewundernswerte Entscheidung, den Selbstschutz über die Informiertheit zu stellen“, sagt sie. Und sie hat recht: Manchmal geht das Wohlbefinden einfach über das Wissen.

Wenn eine schlechte News ein Trauma bei euch ausgelöst haben sollte, ist die Hilfe von einem Psychologen ratsam. Doch da dies nicht für jeden eine Option ist, hat Fischer ein paar Tipps, wie man mit einer solchen Situation umgehen kann. Klar, professionelle Hilfe können die Tipps nicht ersetzen, aber immerhin im Notfall dabei helfen, Trigger-Momente zu vermeiden.

Frischers erster Rat: Nachrichten lesen statt Nachrichten schauen

Als erstes rät Frischer, News zu lesen statt sie zu schauen, denn so hat man einfach mehr Kontrolle. „Wenn dir die Schlagzeile schon das Gefühl gibt, dass der Artikel ein Trigger sein könnte, lies einfach nicht weiter“, rät sie. Aus eigener Erfahrung kann sie sagen, dass dieses Vorgehen ihren Kunden bereits mehr Kontrolle über den eigenen Nachrichtenkonsum gibt. „So haben Sie immer einen schnellen Ausweg in Aussicht, mit dem sie Trigger vermeiden können.“ Außerdem könnte ein weiterer Weg sein, sich die News von einem guten Freund vorfiltern zu lassen. „Ein sehr enger Vertrauter weiß mit Sicherheit, welche Inhalte für euch gefährdend sein könnten“.

Außerdem hat Frischer einige Erdungstechniken für ihre Kunden auf Lager, die diese zu Hause üben sollen. „Auch wenn eine News ihnen negativ erscheint, sollen Sie sich bewusst machen, welche positiven Dinge dadurch angestoßen werden, dass Opfer an die Öffentlichkeit treten und getreten sind. Sie sollen an die vielen Leute denken, die ihre Geschichte mit der Welt geteilt haben und an den Mut von Leuten wie Ford.“ In solchen Momenten sollen ihre Kunden „ihre Füße fest auf dem Boden spüren, fest und sicher im Stuhl sitzen und daran denken, dass sie ganz im Hier und Jetzt sind“.

Frischer erzählt außerdem, dass bei Menschen in einer Trigger-Situation das sympathische Nervensystem die sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslöst, was schnelles Herzklopfen und erhöhten Blutdruck verursacht. Dafür hat sie ein paar Entspannungsübungen. Kaltes Wasser auf dem Gesicht ist eine von vielen Möglichkeiten, um Ruhe zu erzeugen. „Meistens hilft es am besten, wenn meine Kunden ihr Gesicht in eine Schüssel mit kaltem Wasser tauchen, aber diese Methode kann auch abgewandelt werden.“ Ein Eisbeutel auf den Augen tut es zum Beispiel auch. „Achtet dabei darauf, dass eure Schläfen abgedeckt sind“. Als weiteren Tipp nennt sie Handtücher zum Mitnehmen, die 12 Stunden kühl bleiben.

Auch eine bewusste Atmung schlägt sie als Beruhigungsmethode vor. „Dabei machen meine Kunden lange Atemzüge, bei denen sie darauf achten sollen, dass die Ausatmung länger als die Einatmung dauert.“  Einatmen und bis fünf zählen, ausatmen und bis sieben zählen und das alles fünf bis zehn Mal kann sehr hilfreich sein. Dabei soll man auf jeden Fall bequem sitzen und sich vor der Übung bewusst machen, wie der Körper vom Stuhl getragen wird und die Füße fest auf den Boden aufstellen. Neben all diesen Tipps gibt es natürlich vor dem Gang zum Psychologen auch zahlreiche Beratungsstellen, die man im Fall des Falles kontaktieren kann.

Schließlich ermutigt Frischer alle Betroffenen nochmal, die positive Seite an der aktuellen Debatte zu sehen: „Es ist eine schwierige Zeit, aber die Leute machen endlich ihren Mund auf und sind wirklich mutig, weshalb hoffentlich in Zukunft mehr Menschen geholfen wird.“

Nadja Preyer
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