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Was es wirklich bedeutet, erwachsen zu sein

Erwachsensein > Erwachsener

Text: Margaret Eby

Es ist noch nicht lang her, da wurde entweder das Substantiv „Erwachsener“ verwendet, um einen Volljährigen zu beschreiben oder das Adjektiv „erwachsen“, um einen anzüglichen Film zu deklarieren. Aber irgendwann in den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich ebenso allgegenwärtig ein Verb dazu herausgebildet – zumindest im Internet und in englischer Sprache: „Adulting” (auf deutsch etwa: „Erwachsensein“) ist mittlerweile ein Sammelbegriff für die lästigen Alltagsgeschäfte, die ein Teil unseres – nun ja – Erwachsenlebens sind: Papierkram ausfüllen, Klopapier kaufen, Steuererklärungen machen, Krankenversicherungsansprüche bearbeiten, Bad putzen und so weiter. Der Begriff wird für gewöhnlich entweder mit einem Gefühl von Hilflosigkeit oder Selbstgefälligkeit verwendet. Wie in: „Hab verschlafen, heute schlecht im Erwachsensein” oder „Yay! Hab meine Steuern bezahlt! #adulting.”

Natürlich ist es schwierig, zu lernen, wie man sich als Mensch in dieser Welt behaupten kann. Tatsächlich ist es ein lebenslanger Prozess und das Thema eines sehr guten Ratgebers von Heather Havrilesky. Und die meisten von uns könnten etwas Hilfe und Rat auf ungewohnten Terrains gebrauchen, egal ob Hausreparatur oder Dating.

„Adulting” ist ein Trendwort der Millennials. Grund genug für viele Kritiker, es zu hassen. Sicher, der Begriff liest sich oft unnötig affektiert. Aber es ist auch ein nützliches Wort, denn es illustriert etwas, das seit langem auf die amerikanische Kultur zutrifft: Unsere Vorstellung darüber, was jemanden zum Erwachsenen macht, ist tief im Klassismus verwurzelt (sprich: den Vorurteilen gegenüber einer Person aufgrund ihrer sozialen Herkunft). In dem Begriff „Adulting” ist die Idee impliziert, dass es eine richtige Arbeitstrennung zwischen Kindern und Erwachsenen gibt. Und die Auffassung dieser Kluft geht wie folgt: Kinder werden vor tatsächlichen Verantwortungen geschützt – bis zur Schule oder bis nach der Schule oder bis zu einem vagen Datum in der Zukunft, wenn die Eltern schließlich die finanziellen Mittel kappen und man für sich selbst sorgen muss. Es sind die Erwachsenen, die sich um alle kniffligen, nervigen Dinge des Lebens kümmern, während Kinder frei umherstreifen dürfen.

Sicher, das trifft für einige zu. Aber diese Leute sind in der Regel privilegiert und relativ wohlhabend. Vielleicht müssen sie „lernen”, Erwachsene zu sein, sobald sie auf eigenen Beinen stehen, aber nicht alle jungen Leute tun das. Das Phänomen des „Adulting” verallgemeinert diese privilegierte Erfahrung und setzt voraus, dass sie allgemeingültig ist, aber das ist sie nicht. Die tatsächliche Lebenserfahrung der 18- bis 30-Jährigen ist unglaublich breit gefächert – sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenalter. Viele Kids und Millennials mussten bereits in einem sehr frühen Alter eigenständig sein – aus welchem Grund auch immer. Häusliche Pflichten und Haushaltsbudget-Planungen gehörten für viele Kinder schon von klein auf dazu. Etwa in Form von Sommer- oder Nebenjobs, Papierkram, Wäsche, kochen, sich um die jüngeren Geschwister oder andere Verwandte kümmern… Aufgaben eben, die alle unter die Kategorie des Erwachsenseins fallen.

„Adulting” begann als Phrase und ist mittlerweile ein eigener Wirtschaftszweig geworden. Es gibt Becher, T-Shirts und Kissen mit Witzen über das Erwachsensein. Es gibt Deko-Guides, Kochbücher und eine ganze Reihe von Objekten, die unter dem Deckmantel des Erwachsenenalters verkauft werden. Glaubt man dem Internet, scheint sich echtes Erwachsensein tatsächlich sowieso in erster Linie über Lifestyle-Gedöns zu definieren – etwa in Artikeln wie „So dekorieren Sie Ihre Wohnung wie ein Erwachsener“ oder „Vorglühen wie ein Erwachsener“ (Spoiler: Kaufen Sie Pre-Dinner Aperitifs). Erwachsen zu sein scheint sich vor allem um das Besitzen und Ausgeben von Geld zu drehen.
Es gibt einen guten Grund, warum das so ist. „Erwachsen” ist ein beladener Begriff. Einer, der häufig durch die Lebenserfahrungen einer bestimmten Gruppe weißer Männer definiert ist. Jedes Jahr oder spätestens alle zwei kommt ein weiteres großes Denkstück von einem Autor heraus, der dem Ende des bisher gekannten Erwachsenenalters hinterhertrauert. Ein Klassiker in diesem Genre ist A.O. Scotts „Der Tod des Erwachsenendaseins in der amerikanischen Kultur”. Hierin behauptet er: „Es scheint, dass wir, indem wir die patriarchalische Autorität abschaffen, unwissentlich auch alle Erwachsenen getötet haben.” Er verurteilt außerdem den Aufstieg der Jugendliteratur und verbindet die ganze Sache mit dem Serienfinale von Mad Men (Diese Denkstücke gab es häufiger, als Mad Men noch lief). Wenn erwachsen zu sein bedeutet, dass man die gleiche Erfahrung wie eine bestimmte Untergruppe reicher, weißer Männer hat, ist es kein Wunder, dass Erwachsensein für eine Menge Leute fremd ist, die niemals weiß, männlich oder wohlhabend sein werden. Es gibt die Meinung, dass wir wahrhaftiges Erwachsenenalter ab einer bestimmten Einkommensgrenze erreichen und nicht ab einem bestimmten Reifegrad. Es gibt die Vorstellung von wahrhaftigen Erwachsenen gegenüber Menschen, die im Innern noch immer Kinder sind. Es ist eine praktische Möglichkeit, vorzutäuschen, dass Menschen mit anderen Backgrounds, Denkstrukturen oder Nettoeinkommen nicht so erwachsen sind wie man selbst. Und es ist eine Lüge.

Das Erwachsenenalter ist kein geheimes Level in einem Videospiel. Ihr seid nicht weniger erwachsenen, wenn ihr T-Shirts Krawatten vorzieht oder wenn ihr Probleme habt, eure Steuern zu bezahlen. Ihr seid nicht weniger erwachsenen, wenn ihr Videospiele mögt und Scotch hasst oder wenn ihr es euch nicht leisten könnt, in teuren Designermöbelläden einzukaufen. Ihr trinkt Wein aus einer Kaffeetasse anstatt aus einem Weinglas? Ihr seid immer noch erwachsen. Und wenn ihr über 18 seid? Ratet mal: Ihr seid jetzt Erwachsene. Und ihr selbst werdet entscheiden, was das bedeutet.

Corinna Siepenkort
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