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Warum exzessives Schwitzen so gut für den Körper ist

Das Schwitzen hat von Grund auf einen schlechten Ruf. Für unsere Autorin wurde das bewusste Dehydrieren jedoch zu einer Lifechanging Experience, die leicht und glücklich macht – und die ihr gezeigt hat, wie verdammt gut eine Orangenscheibe schmecken kann.

Text: Irina Grechko & Nadja Preyer

Ich habe das Schwitzen zum ersten Mal vor drei Jahren gelernt, in einer „Sweat Lodge“ in Mexiko. Temazcal ist ein altes Maya-Ritual, begleitet von einem Schamanen. Das Ziel: die Reinigung von Körper, Geist und Seele. Es ist nicht nur eine heilende und spirituelle Erfahrung, bei der man sich zurückversetzt in den schützenden Mutterleib fühlt, sondern es ist vor allem intensiv. Nachdem ein Schamane deine Energie gereinigt hat, betrittst du – normalerweise zusammen mit einer kleinen Gruppe weiterer Teilnehmer – ein kleines Steingebäude, dessen Fenster und Türen verschlossen werden, wodurch du in völliger Dunkelheit vor Lavasteinen stehst, die Hitze abgeben.

Während der Schamane die Gruppe mit Gesängen anleitet und die Felsen mit Wasser besprüht, wird der Dampf im Raum immer intensiver – und dadurch auch dein Schwitzen. Dann wirst du aufgefordert, über deine Vergangenheit und Gegenwart nachzudenken, dich anschließend mental von all jenen Erinnerungen und Erfahrungen zu befreien, die dir nicht mehr dienen um schließlich neue Ziele für deine Zukunft zu setzen. Ich fühlte mich nach dieser Erfahrung befreiter und friedlicher denn je. Als Person, die sich mit vielen Dingen im Inneren auseinandersetzt, war ich gezwungen, mit schwierigen Erfahrungen meiner Vergangenheit  abzurechnen – Erfahrungen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie immer noch in mir arbeiten. Als ich fertig war, schwitzte und weinte ich. Und ich fühlte mich so leicht und verjüngt wie lange nicht mehr. Ich fühlte Erleichterung und Klarheit.

Sophie Chiche, die Gründerin des Shape House in New York, hatte im Alter von 19 Jahren eine ebenso transformative Erfahrung, bei der sie sieben Stunden (!) in einer Schwitzhütte verbrachte: „Es war eine sehr intensive Erfahrung für mich. Ich würde es sogar als eine meiner allerersten spirituellen Verbindungen bezeichnen“, sagt sie. Fast 30 Jahre später eröffnete sie die „Urban Sweat Lodge“ namens Shape House, in der die Gäste in beheizten Betten mit der FAR-Infrarot-Technologie – einer heizenden Form von natürlicher Energie – für 55 Minuten zum Schwitzen gebracht werden. „Ich erinnerte mich immer wieder an diese Erfahrung des Schwitzens, des Sitzens im Schlamm, und es war einfach wirklich anstrengend…. Es war eine eindrucksvolle Erfahrung für mich, ein echtes Wow-Erlebnis.

Während die gesundheitlichen Vorteile des Schwitzens von besserem Schlaf bis hin zu strahlender Haut und Entspannung reichen, war es vor allem die emotionale Erleichterung und Klarheit, die ich durch die Temazcal erlebte – und die ich im Shape House unbedingt wieder machen wollte. Als ich Chiche frage, ob andere Shape House Kunden die gleiche emotionale Befreiung spüren wie ich während des Temazcal, sagt sie, es sei das beste Szenario: „Weinen ist eigentlich die bessere Version des Rituals. Manchmal löst es auch Wut aus.“ Sie erklärt diese Antwort so: „Du kommst nicht zu uns, weil du dich gut und ausgeglichen fühlst. Du gehst in dieses Ritual, weil du dich besser fühlen willst, du willst dich weniger gefangen fühlen, du willst dich weniger müde fühlen…. was auch immer es ist, du machst diese Erfahrung, um dich um dich selbst zu kümmern… Menschen kommen mit allerlei emotionalem Stress zu uns.“ Sie sagt, dass für einige Menschen das Programm eine sensible Erfahrung sein kann, die starke Gefühle triggert. Und die sie dazu veranlasst, negative Emotionen gehen zu lassen, an denen sie sich zu lange festgehalten haben.

Ich hingegen verlasse die Sitzung und fühle mich, als würde ich schweben. Ich spüre einen klaren Unterschied zu dem gestressten Zustand, in dem ich die Therapie betreten habe. Chiche sagt, dass es wichtig sei, Zeit dafür zu finden, einfach mal zu pasuieren von der Push, Push, Push-Menatlität der Welt da Draußen, in der jeder permanent unter Druck steht. „Ich glaube, unsere Körper sind nicht für diesen Stress gemacht. Und wenn man schwitzt, macht man eine Pause“, sagt sie. Wenn Chiche sich nicht konzentrieren kann, bringt sie sich selbst zum Schwitzen, um ihr Mindset auf Null zu setzen. Sie vergleicht das Schwitzen mit dem Video von OK Go zu This Too Shall Pass: ein Dominoeffekt von positiver Ereignissen. „Leute schwitzen vielleicht für eine kurze Stunde, aber danach verändert sich so vieles: sie essen besser, schlafen die Nacht darauf direkt besser und trinken vielleicht weniger Alkohol, sind wegen einer Kleinigkeit nicht böse auf ihr Kind, was dann zur Schule geht und da einen besseren Tag hat und so weiter. Ich sehe es als eine subtile und doch große Veränderung für das ganze Leben“, sagt sie. „Schwitzen ist keine Wunderwaffe, aber es verändert viele Dinge… Es ermöglicht, deinem Körper die nötige Kraft zu geben, sich selbst zu heilen“.

Als ich meine erste Sitzung verlasse, werde ich unmittelbar an meine Erfahrung mit dem Temazcal-Ritual zurückerinnert. Ich bin zwar schweißgebadet, dafür ruhig und glücklich. Als ich in eine kühle, frische Scheibe Orange beiße, die mir nach der Sitzung angeboten wird, merke ich, dass ich vergessen habe, wie sehr ich Orangen liebe. Ich weiß, dass ich diese einfache Gegebenheit in meinen busy Alltag wieder vergessen werde. Aber die  Tatsache, dass ich jetzt einen verlässlichen „sicheren Hafen“ habe, an den ich mich jederzeit erinnern kann, fühlt sich gut an.

Und das ist es, was Chiche hofft: Dass jeder Mensch, der den Raum verlässt, wieder die kleinen Freuden des Lebens wahrnimmt. „Ich will einfach, dass die Leute eine schöne Erfahrung machen. Dass sie, wenn sie gestresst reinkommen, am Ende entspannt rausgehen. Das sie sich geliebt und umarmt fühlen, denn das ist leider etwas, das viele Leute nicht so oft erleben, besonders in Städten wie L.A. und New York“, sagte sie. „Emotional hoffe ich, dass sie ein kleines High erleben, denn das Schwitzen stößt Endorphine aus. Manchmal muss ich nach einer Sitzung grundlos Kichern. Und die Welt könnte ein bisschen mehr Kichern gebrauchen.“ Sehen wir auch so. Ach ja: und ein paar mehr Orangenscheiben.

Nadja Preyer
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