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Ein Plädoyer fürs Weinen in der Öffentlichkeit

Welcome to our Summertime Sadness.

Text: Kristin Iversen

Es gibt keinen besseren Ort, um allein zu sein als auf den überfüllten Straßen New York Citys im Sommer. Oder Berlin. Ach, funktioniert eigentlich in jeder hippen, großen Stadt. Gut vielleicht nicht, um tatsächlich allein zu sein, aber um sich allein zu fühlen. Losgelöst, treibend. Es gibt nichts Privateres als in deiner eigenen persönlichen Hölle zu existieren. Und was kommt noch mehr einem strafenden Inferno gleich als die glutheißen Bürgersteige der Stadt?

Jedoch muss man auch sagen: So eine Stadt ist ein guter Ort, um richtig gut zu weinen. Zunächst aber: „Gut weinen” ist eine lustige kleine Phrase. Ihr zugrunde liegender Konflikt ist sofort klar. Was ist gut daran zu weinen? Und doch weiß jeder, dessen Körper schon mal von heftigem Schluchzen geplagt wurde, dem sich minutenlang die Kehle zugeschnürt hat – nicht sicher, ob er diesen Tränenanfall überleben kann, ganz zu schweigen, was ihn überhaupt in diese Situation gebracht hat: Weinen kann sich gut anfühlen. Zumindest, wenn es vorbei ist. Es fühlt sich auf eine Art gut an, wie alles Kraftvolle. Gutes Weinen bedeutet dann starkes Weinen. Ein guter Heulkrampf lässt euch eure Muskeln spüren und zentriert euch im Innersten eures Körpers – genauso wie es ein gutes Lachen tut. Der einzige Unterschied: Während Lachen alles in den Fokus rückt und großartig erleichtert, bewirkt Weinen das Gegenteil. Wenn die Augen feucht werden, verschwimmt die Sicht. Es wird unmöglich, die Welt um einen herum klar zu sehen; so tief ist man im eigenen Nebel gefangen. Aber das ist Teil der schauderhaften Anmut des Weinens vor aller Welt. Wenn ihr euch so viel Verletzlichkeit erlaubt, zeigt ihr tatsächlich eine andere Art von Kraft. Ihr beweist, keine Angst davor zu haben, euren Schmerz zu zeigen, keine Angst, verletzlich zu sein. Es gibt so viel Druck in unserer Kultur, stark und tough zu sein. Nicht zuzulassen, dass unsere Ängste Besitz von uns ergreifen. Wir sollen durchpowern, ruhig bleiben und in den klaffenden Schlund des Abgrunds lachen. Aber diese Art emotionaler Distanz ist dann nicht mehr nützlich, wenn wir wirklich leiden. Wenn wir wirklich Schmerzen haben. Diese Abgeklärtheit entspricht der Idee, dass nichts von alldem – unsere Welt, unsere Gemeinschaft, unsere Liebsten, wir selbst – wirklich wichtig ist. Doch Heulen in der Öffentlichkeit zeigt, dass es das sehr wohl ist.

Vor Jahren bin ich in der Öffentlichkeit zusammengebrochen. Auf einer Parkbank meiner Uni sitzend; unzählige Leute, die an mir vorbeigingen. Ich wusste, dass jeder mich sehen konnte, und genau das ließ mich zunächst zögern. Ich überlegte, mich in die Toiletten der nahe gelegenen Bibliothek zu flüchten. Eine Kabine zu belegen, wo niemand mich sehen konnte. Aber ich tat es nicht. Es ging mir so schlecht, die Tränen kamen schneller und schneller, und ich konnte kaum durch sie hindurch sehen. Ich wollte nicht davonlaufen. Ich wollte innehalten, die Zeit anhalten, wenn mir das schon nicht mit meinen Tränen gelang. Und so saß ich da. Manche Leute sahen mich an und gingen einfach weiter. Einer bot mir im Gehen ein Taschentuch an. Und eine wohlmeinende junge Frau stoppte immerhin kurz, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Ich nickte, und sie erwiderte: „Weißt du, er ist es nicht wert.” Ich wusste, dass sie es gut meinte, obwohl sie keine wirkliche Vorstellung davon hatte, warum ich weinte und wer der Grund war (Es ist natürlich ziemlich naheliegend, dass jemand, der in der Öffentlichkeit weint, aufgrund einer anderen Person weint. Und genau das tat ich.)

Aber das Ding war: Er war es wert. Oder zumindest: Ich war es wert. Der Schmerz, den ich verspürte, war diese physische Offenbarung wert. Er war es wert, ans Licht zu kommen und gesehen zu werden. Und so saß ich da und dachte darüber nach, dass meine Liebe oder mein Hass oder meine Verzweiflung oder meine Freude es niemals nicht wert sein sollten. Ich wollte spüren, dass alles für etwas gut war. An jenem Tag, an dem ich weinte, ließen meine Augen die stillen Tränen fallen, die man so oft in der U-Bahn sieht. Tränen von jemandem, der entschlossen aus einem schmutzigen Fenster in den dunklen Tunnel hinaus blickt. Dies sind die einsamen Tränen. Sie kommen und machen die Welt ein wenig unkenntlich; geben einem den Abstand, den man braucht – einen selbstgefertigten Schleier. Andere können euch sehen, aber ihr könnt sie nicht sehen.

Aber manchmal ist ein guter Weinkrampf vor allen Leuten nicht still. Es ist keine Würde darin; Stille ist kein Merkmal dieses Schluchzens. Manchmal ist ein öffentlicher Weinkrampf einer jener herzzerreißenden Anfälle, die immer als „hässlich“ bezeichnet werden. Die schwer mitanzusehen sind. Dieses Weinen kehrt euer Innerstes nach außen. Einen Fremden zu beobachten, der so sehr weint, fühlt sich an, als würde man eine Fremde bei der Geburt ihres Kindes beobachten. Ohne den Kontext der Intimität sieht man nur unerträgliche Schmerzen. Und obwohl das Versprechen von Erleichterung und Schönheit in der Luft liegt, fühlt es sich an, als würde es niemals kommen.

Das sind die Tränen, von denen uns gesagt wird, wir sollten uns für sie schämen. Sie haben keinen Platz in unserer sauberen Welt. Sie sind Artefakte einer Zeit, in der Frauen leidenschaftlich den Mond anheulten. Als Liebe und Schmerz Dinge waren, die man öffentlich zeigen konnte – ohne Angst, verurteilt zu werden. Und auch wenn ihr euch mit dieser Art von Tränen in der Öffentlichkeit niemals wohl fühlen werdet oder glaubt, dass sie euch völlig zerstört aussehen lässt: Das nächste Mal, wenn ihr jemanden vor aller Welt weinen seht oder selbst in der Situation seid, denkt einfach daran, dass dieses „völlig zerstört sein“ nur eine andere Möglichkeit der Offenheit ist. Und dass eine Schönheit dieser Art der Verwundbarkeit zugrunde liegt. Auch wenn sie mit Leid gefärbt ist.

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Corinna Siepenkort
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