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Warum bekommen schwarze Designer nicht ihre verdiente Anerkennung?

Die höchsten Ebenen der Modebranche werden nicht nur von Männern dominiert, sondern vor allem von Weißen. Wir haben einen Blick darauf geworfen.

Die Fashion-Welt befindet sich zur Zeit in einer Phase der Veränderung. Marken wie Céline, Mugler, Burberry und zuletzt Dior Homme scheinen in den vergangenen Seasons mit ihren Designern Reise nach Jerusalem gespielt zu haben. Es gab einige Überraschungen und Enttäuschungen in den Chefetagen der Modehäuser, aber ein roter Faden ist erkennbar: Es sind fast immer Männer – und in jedem der oben genannten Beispiele sind sie weiß. Eine positive Ausnahme bietet derzeit Louis Vuitton: gerade wurde bekannt, dass das Label den Off-White-Gründer Virgil Abloh als neuen Artistic-Director für Menswear eingestellt hat.

 

Doch leider bestätigen Ausnahmen bekanntlich die Regel. In der Geschichte der Mode kam es seit jeher selten vor, dass schwarze Designer aus dem Pool der potenziellen Kandidaten ausgewählt wurden. Olivier Rousteing für Balmain ist das bemerkenswerteste Beispiel, ebenso wie Shayne Oliver von Hood By Air, der im vergangenen Jahr als Designer-in-Residence für Helmut Lang ausgewählt wurde. Aber: Oliver ist nicht dauerhaft ernannt worden, trotz des Erfolges seiner Debüt-Kollektion. Und leider sind diese beiden Designer die Ausnahme, nicht die Regel.

Am Anfang der Frage, warum so wenige schwarze Designer in den oberen Etagen der Modehäuser angekommen sind, steht die Feststellung, dass es nur wenige überhaupt so weit schaffen, um die Leitung eines großen Hauses übernehmen zu können. Von den Hunderten von Shows, die während der New York Fashion Week in dieser Saison stattfanden, wurden nur wenige von namhaften afroamerikanischen Designern bestritten. Von den Mainstream-Namen wie Tracy Reese, Oliver oder Maxwell Osborne von der Public School nahm keiner teil. Und so blieben Kerby Jean-Raymond (von Pyer Moss), Telfar Clemens, Carly Cushnie (von Cushnie et Ochs) und LaQuan Smith, die alle – mit Ausnahme von Cushnie – noch keine wirklich bekannten Namen sind. Die NYFW hatte also insgesamt jämmerliche (aber große!) vier Shows zu bieten, die von schwarzen Designern geleitet wurden.

Einige sagen, die Zahl der schwarzen Designer in der Branche ist gestiegen. Andere, wie das Model Pat Cleveland, glauben, die Zahl ist „ungefähr gleich“ geblieben. Als einen der bekannteren Namen aus den 70er Jahren, als ihre Karriere begann, nennt sie Stephen Burrows. Er war der einzige schwarze Modedesigner, der an der legendären Fashion-Show mit dem Titel Battle of Versailles teilnahm – und brachte schwarze Models wie Pat Cleveland, Alva Chinn und Ramona Saunders mit, die der Hauptgrund dafür sein sollen, dass die Amerikaner mit einem Sieg gegen die französischen Designer nach Hause zurückkehrten. Cleveland sagt über Burrows: „Nehmen wir das Metallkleid – das von Gianni Versace, welches jedoch eigentlich von Stephen Burrows entworfen wurde. Ich trug dieses Kleid in Europa und alle haben es gesehen. Er entwarf so viele originelle Designs wie das Wickelkleid und die lettuce edge…. Er war ein innovativer, natürlicher Schöpfer, er hat nie etwas kopiert.“ Doch seine Marke und seine Karriere waren nicht annähernd so lukrativ wie die seiner amerikanischen Kollegen (Oscar de la Renta, Halston, Bill Blas und Anne Klein) oder die der europäischen (Yves Saint Laurent, Pierre Cardin, Emanuel Ungaro, Christian Dior und Hubert de Givenchy). 40 Jahre später ist es eine ähnliche Situation, in der sich schwarze Designer befinden.

Die haitianische Designerin Azede Jean-Pierre sagt, dass sie schon immer eine der wenigen – wenn nicht die einzige – Farbige in Klassenzimmern, Ausstellungsräumen und Büros war. Sie arbeitete bei Ohne Titel und Ralph Rucci. Sie hat ihre Reifeprüfung bestanden. Sie lernte von den Besten, erfuhr eine gute Ausbildung und schuf beachtliche Designs. Anstatt bei einer Marke zu bleiben und sich dort nach oben zu boxen, beschloss Jean-Pierre, ihr eigenes Label zu gründen. Sie wollte mehr kreative Kontrolle, aber fühlte auch, dass dies ihre einzige Option zu dieser Zeit war. „Ich kann nicht sagen, dass meine Meinung an den Orten, an denen ich gearbeitet habe, nicht geschätzt wurde“, sagt sie. „Ich denke, das Problem war ein anderes: wäre ich geblieben, hätte ich mein Talent so schnell entfalten können wie jemand anderes? Ich bin mir nicht sicher.“

Wenn dich die Branche, für die du arbeitest, nicht weiterbringt, verzweige dich und mach dein eigenes Ding. Ein Grundsatz, dem schwarze Designer schon immer gefolgt sind. „Man kann entweder an der Tür stehen und weiter klopfen oder man kann alternative Wege finden, um ins Haus zu kommen“, sagt Brandice Daniel, Gründer von Harlem’s Fashion Row. Aber manchmal ist das Fenster, in das man hineinklettern kann, fest verschlossen. Jean-Pierre sagt, das größte Hindernis für schwarze Designer ist das Geld. „Um ein Modeunternehmen zu gründen, muss man Geld haben oder einen Zugang dazu finden – das ist ein riesiges Hindernis für den Start.“

So so so IMPORTANT! What decision will you make? #Rp @brandicedaniel . Years ago my nephew @joshua.brewer and I would go bike riding. Every time we would get to this hill that kicked my butt I would make us both repeat this over and over, but that's not the only place I've used it. – This statement right here has made me take all excuses away from myself. Every time I think, but I'm a new mom (well not that new anymore), I say there's someone who has 2 children killing it. – Every time I said, but I don't have enough this or that, I say but someone has less and they've done more. – I remember thinking, I need a millionaire business mentor. I never found one, so I became a student of my favorite podcasters and authors: Reginald Lewis, @amyporterfield @jeffwalkerco @oprah @rickmulready. – Excuses are in excess. You can find them everywhere, which makes them really cheap! Cheap things usually fall apart or don't last that long. – We all have to make the decision for ourselves in life. Either our life sums up to a bunch of cheap excuses or we make it happen! Let’s make it happen people….we got this!

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Diesen Start zu erleichtern, ist auch eines der Ziele von Daniels Firma. Neben Erfolg im Allgemeinen, will sie schwarzen Modeschöpfern dabei helfen, mehr finanzielle Unterstützung zu erhalten. Jeder, der den Wandel in einer hartnäckigen Branche vorantreiben will, weiß, dass das eine schwierige Aufgabe ist. „Für meine ersten zehn Jahre war meine Mission: ich will diese Designer Redakteuren vorstellen, ich will sie mit bekannten Stylisten vernetzen, die ständig Leute in Magazinen stylen und einen großen Einfluss in den sozialen Medien haben – also einfach mit Leuten, die in der Branche arbeiten“, erklärt sie. „Ich wollte sie diesem Publikum vorstellen und war mir sicher, die Kooperationen werden zunehmen und ihr Geschäft beeinflussen.“ Tatsächlich erhielten die Designer Presse in geschätzten Medien wie der New York Times, doch auch das brachte ihre Geschäfte noch nicht richtig voran, sagt Daniel. „Ich habe gesehen, wie Designer drei Jahre im Kommen sind und als wirklich heiß gehandelt wurden und dann doch aufgehört haben, weil ihr Einkommen letztendlich nicht nur für ihr Business, sondern auch für ihren Lebensunterhalt reichen muss – und das ist hart“. Und wenn du nicht gerade Kanye West bist, kannst du es dir nicht leisten, eine Pause zu machen und dann wieder zurückzukommen. Du musst weitermachen.

Schafft man es doch, in die Mainstream-Industrie zu wechseln, wird man oft in eine Schublade gesteckt. Jean-Pierre erinnert sich an eine Zeit, in der die Designer ihre Kollektionen „aufhellen“ mussten, um aufzufallen. „Man musste weiße Models haben, damit es sich professionell anfühlt, denn sonst würden die Leute sagen: ‚Oh, das ist eine schwarze Sache.‘ Und es ist ungerecht, weil man genau das gleiche rausbringt, was alle anderen rausbringen – seine Kunst, seine Überzeugungen – und die Qualitätsstandards könnten alle gleich sein, aber am Ende entscheidet die Art und Weise, wie man es präsentiert oder aus welcher Perspektive es kommt darüber, ob man verspottet wird“.

Die Designer Clemens und Jean-Raymond berichten beide von ähnlichen Erfahrungen, vor allem verachten sie jedoch die Bezeichnung „Streetwear“, die ihren Entwürfen oft angehaftet wird. Clemens sagt, dass er nicht unbedingt ein Problem mit dem Begriff hat, aber es zeugt von weniger Respekt seitens der Branche. „Die Modebranche will, dass du den Charakter eines schwarzen Designers spielst, anstatt dich einfach als das zu akzeptieren, was du bist“, sagte Clemens letztes Jahr. „Es gibt keine künstlerische Glaubwürdigkeit. Sie denken, sie könnten es benennen, ohne es sich ansehen zu müssen.“

Was man jedoch verpasst, wenn man schwarze Designer vorzeitig entlässt, sind oft die innovativsten Kollektionen der Saison. Jean-Raymond nutzt seine Shows, um über politische Themen zu sprechen, die von Polizeigewalt und Drogenabhängigkeit bis hin zu den Erfahrungen von Einwanderern reichen. Clemens, der letztes Jahr den CFDA/Vogue Fashion Fund gewann, spendete 100 Prozent des Erlöses aus seiner White Castle Capsule Collection, um die Kaution für Minderjährige der Gefängnisinsel Rikers Island zu bezahlen. Während andere Marken soziale Gerechtigkeit als Mittel zum Profit und für mehr Aufmerksamkeit nutzen, sehen sie viele schwarze Designer als Mittel für Bildung und Veränderung der Gesellschaft. Und sie tun es auf authentische Weise, weil sie aus Erfahrung sprechen – oder wie Cleveland erklärt: „Schwarz zu sein bedeutet, Dinge wie Musik und Kunst zu nutzen, um den Schmerz in Schönheit zu verwandeln. Das gilt auch für die Mode: Jeder Stich schmerzt, jeder Stich braucht Zeit, jeder Stich hat Bedeutung.“

Wie Jean-Pierre kürzlich in einem Instagram-Post schrieb, reicht es nicht aus, Schwarze in einer Kampagne oder auf dem Runway zu platzieren. Sie müssen auch in den Designräumen und hinter den Kulissen agieren. Es lässt das Unternehmen nicht nur schlecht aussehen, wenn die scheinbar unvermeidlichen Fehler passieren (das haben wir immer und immer und immer wieder gesehen), sondern es haut diejenigen übers Ohr, die echtes Talent haben und – worüber Unternehmen wirklich besorgt sind – die Konsumenten. „Unsere Kulturen sind so vielfältig, es existiert eine tolle, bunte Mischung und wir brauchen People of Color, um eine Botschaft zu vermitteln, die alle anspricht“, sagt Jean-Pierre. „Ohne diese Vielfalt fehlt es an Qualität. Dann gibt es nur eine einzige Message.“

 

 

Daniel stimmt zu und sagt, sie habe bemerkt, dass Marken sich mehr anstrengen. „Ich denke, die Leute suchen nach Möglichkeiten, ihre Brands aufzufrischen und sich an der Schwelle zu etwas Anderem und Neuem in der Mode zu bewegen“, sagt sie. „Und, vertrau mir, es passieren nicht viele neue Dinge, also wenn du nicht anfängst, Dinge zu tun, die anders sind als das, was du immer getan hast, wirst du nicht in der Lage sein, dich selbst zu erhalten.“ Schwarze Kultur ist im Moment im Trend, sagt sie und verweist als Beweis auf die Popularität von Black Panther. Und Daniel glaubt, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt ist, um Änderungen vorzunehmen, die tatsächlich anhalten. In den nächsten Jahren liegt ihr Hauptaugenmerk bei HFR auf der Zusammenarbeit mit größeren Modemarken, die an einer Kooperation mit multikulturellen Designern interessiert sind. Als Beispiel nennt sie den Schulterschluss von Gucci und Dapper Dan. „Es gab viele Leute, die noch nie von ihm gehört hatten, aber durch die Partnerschaft mit Gucci öffnen sich ganz neue Türen für ihn“, sagt sie. „Und Gucci ist in der Lage, den coolen Faktor zu nutzen, den Dapper Dan hat, also ist es eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehung.“ Daniel plant außerdem, ein achtwöchiges Programm zu starten, das Designern helfen soll, mehr über die geschäftliche Seite der Branche zu erfahren.

Azede Jean-Pierre hingegen ist vorsichtig hoffnungsvoll. Sie ist der Meinung, dass die Industrie ein wenig leiden muss, damit echte Fortschritte erzielt werden können. „Ich denke, es wird definitiv von innen heraus explodieren, und das ist es bereits, aber das bedeutet nicht, dass es sich nicht verbessern wird“, sagt sie. „Die Dollars werden ein wenig verdunsten oder weniger werden und die Leute werden keine Wahl haben. Die Kultur entwickelt sich so schnell, dass man sie einholen oder zurücklassen muss.“ Kibwe Chase-Marshall, der vor zwei Monaten einen kritischen Text für Business of Fashion geschrieben hat, in dem er die Fehler der Branche umreißt und Wege aufzeigt, wie sie sich verbessern kann, vertritt eine ähnliche Meinung. „Ich glaube nicht, dass die Leute die Macht, den Zugang und die Privilegien einfach aufgeben“, sagt er. „Ich bin optimistisch, dass es einen Moment gibt, in dem kulturelle Ungerechtigkeiten ausgerufen werden.“ Er stellt fest, dass die Veränderung von schwarzen Designern wie ihnen selbst kommen muss. „Diejenigen, die diese Diskriminierung aktiv oder passiv gestaltet haben, dürfen sie nicht zerstören ohne den wesentlichen Beitrag derer, die sie ertragen müssen.“

Was uns auf zurück zum Anfang bringt. Jean-Pierre bestätigt, dass es viele qualifizierte Talente für Kreativdirektioren gibt. „Ich weiß, dass Creative Directors aus außergewöhnlichen Menschen ausgewählt werden müssen, und außergewöhnlich und schwarz zu sein, scheint mehr als außergewöhnlich zu sein“, sagt sie. Schwarze Designer wurden einfach unterdrückt. Wenn sie mehr Möglichkeiten gehabt hätten, wären sie jetzt an der Spitze der großen Häuser. Deshalb ist es Sache der Industrie zu entscheiden, ob sie die bestehende, homogene Form aktiv demontieren und verändern will. Ob und wann das passiert? Dazu sage Jeanne-Pierre: „Das wird ein großer Kraftakt für alle werden.“

Nadja Preyer
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