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Olly von Years & Years: „Der Kampf der Queer Kids ist noch nicht vorbei“

Neuer Look, neues Album, neues Mantra: Wir gehen in unserem Interview mit Years & Years Frontmann Olly Alexander von außen nach innen und besprechen neue Frisuren, ein Hippie-Leben als Dreier-Pärchen und alles rund ums Thema Queerness.

Der Versuch, den Gedankenflow von Olly Alexander zu stoppen, wäre ziemlich naiv. Kurze Antworten? Nicht mit ihm. Ist aber auch gut so, denn wer einmal im Flow des 27-Jährigen drin ist, will gar nicht so schnell wieder raus. Warum auch? Seit dem Durchbruch seiner Band Years & Years vor 5 Jahren liefert der Engländer zusammen mit seinen Bandkollegen Mikey und Emre zeitgeistige Dance-Beats, die in Verbindung mit Ollys hoher Stimme für Ohrwurm-Garantie sorgen (klingt klischeehaft, ist aber so. Oder wer singt bei „King“ nicht mit?) Und weil sein ein Flow scheinbar auch künstlerisch nicht zu stoppen ist, stehen Olly und seine Jungs nun mit ihrem neuen Album „Palo Santo“ in den Startlöchern. Darauf entfaltet sich Ollys gedanklicher Strom dann aber erst so richtig: Als offener Aktivist für die Queer Community macht der Sänger nicht nur in seinen Lyrics LGBTQ+ Themen zu Alltags-Talk. Und selbst als wir ihn fragen, wofür sein Herz denn sonst noch schlägt, landen wir am Ende wieder beim Regenbogen. Wie? Lest ihr hier.

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Du rufst aus Berlin an – hast du da eigentlich schon mal Party gemacht?
Ja, ich war schon einmal mit Mikey, unserem Bassisten, in Berlin, so ungefähr als ich 21 war. Wir haben damals die typischen Touri-Sachen gemacht und sind jede Nacht ausgegangen. Als ich wieder nach England zurückkam, lag ich erst mal zwei Wochen flach. Hat aber Spaß gemacht.

Ward ihr auch im Berghain?
Nein, leider nicht! Wir hatten ein bisschen Angst, weil wir ja gehört haben, wie strikt die da beim Einlass sind, also dachten wir, dass wir ohnehin nicht rein kommen würden und haben es gar nicht erst versucht. Ich bin mir aber sicher, dass es eines Tages passieren wird!

Wir gehen in diesem Interview mal von außen nach innen: Fangen wir mit deinem neuen Look an. Was sagt die neue Haarfarbe gerade über dein Leben aus? Du hast ja vor kurzem gesagt, es wäre wie deine persönliche „Loud“-Phase wie bei Rihanna.
Ja, ich hab das Gefühl, dass jeder Popstar, der sich einmal die Haare färbt, als zweite „Hot Choice“ Rot nimmt. Außerdem musste ich anders aussehen als Troye Sivan, das hat also auch zur Entscheidung beigetragen.

War es denn dann eher eine Promo-Entscheidung oder auch dein persönlicher Move?
Na ja, es hat schon mit der gesamten Welt unseres neuen Albums „Palo Santo“ zu tun. Da dreht sich alles um Androiden und Rot ist außerdem die Erkennungsfarbe von Palo Santo. Die Androiden, die wir für diese Welt erfunden haben, sind wegen meiner roten Haare besessen von mir.

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Euer neuer Video-Stil bleibt eurem alten Schema treu, ist aber definitiv futuristischer. Warum habt ihr euch für diesen übernatürlichen Look entschieden?
Als ich angefangen habe, über unser neues Album nachzudenken, wusste ich, dass ich diese magisch-mystische Welt erschaffen wollte, in die wir unsere Fans bringen könnten. Außerdem habe ich Sci-Fi geliebt, weil ich das Gefühl hatte, dass diese Welt schon immer ein „inclusive Space“ für queere Menschen war. Ich hab meinen Zugang zu Science Fiction durch feministische Autorinnen wie Margaret Atwood und Judith Butler gefunden. In vielen Geschichten hat man starke Frauen gesehen, und auch queere Figuren. Letztere waren vielleicht nicht explizit queer, aber für mich fühlte es sich als junger Mensch so an. Figuren konnten ihr Geschlecht ändern, oder hatten gar keines. Das hat bei mir Eindruck hinterlassen.

In euren Musikvideos, auch in dem zu eurer aktuellen Single „Sanctify“, wird noch mal dein smoother Tanzstil und deine sichere Körpersprache deutlich. Wie schaffst du es, so sicher mit eigenen Körper umzugehen?
Als ich klein war, war ich total der Gymnastik-Fan. Es hat dann einige Jahre gedauert, bis ich mich dann wiederum fürs Tanzen interessiert habe. In der Schule habe ich mich nicht getraut, in die Tanzgruppe zu gehen, weil dort nur Mädchen Mitglieder waren und ich noch nicht wirklich mit meiner Sexualität im Reinen war. Das hat mich insgesamt abgeschreckt. Mit 16 bin ich auf ein College für Performing Arts gegangen und habe schließlich Tanzen als Hauptfach gewählt. Ich habe manchmal davon geträumt, ein professioneller Tänzer zu werden und hatte einfach eine große Leidenschaft dafür. Als ich dann mit 18 nach London gezogen bin und angefangen habe, Party zu machen und in Schwulenbars zu gehen, kam mir der Moment, wenn wir uns alle zur Musik bewegt haben, schon fast religiös vor. Und alle Popstars, die ich idealisiert hatte, als ich aufgewachsen bin – Britney, Christina Aguilera – haben ihre Sexualität in einer sehr kraftvollen Art und Weise verkörpert, sodass ich mir gedacht habe: Das will ich auch machen!

In all deinen Interviews sprichst du viel über queer Issues, warst auch zuletzt in der Doku „Growing Up Gay“ der BBC zu sehen. Was ist noch ein anderes Thema, mit dem du dich so leidenschaftlich beschäftigst, über das du aber vielleicht noch nicht genug gesprochen hast?
Oh Gott! So viel meiner tagtäglichen Gedanken sind von queeren Themen vereinnahmt, und von psychischer Gesundheit, und wie diese beiden miteinander verbunden sind. In dieser ganzen Diskussion versuche ich die Leute immer wieder daran zu erinnern, dass der Kampf noch nicht vorbei ist, und dass Equality nicht wirklich als solche gelten kann, bevor sie nicht jeder Einzelne erreicht hat. Ich habe so Glück, erfolgreich und dadurch in einer privilegierten Position zu sein und die Menschen daran erinnern zu können, wie solche Privilegien funktionieren. Wir müssen sicherstellen, dass die Stimmen von People of Color gehört werden, von Transgender-Mitgliedern unserer Community, und müssen daran arbeiten, dass wir einander unterstützen. Das fällt manchmal hinten über, weil die Medien eine schickere, saubere Story haben wollen. Oh Mann, du hast mich nach anderen Themen gefragt, aber jetzt rede ich ja doch nur über queere Sachen.

„Sanctify“ behandelt deine Erfahrungen in einer Affäre mit einem heterosexuellen Mann. Auch wenn es sich hier um einen angeblich heterosexuellen Mann handelt, gibt es ja auch in der Schwulen-Community nach wie vor ein großes Problem damit, dass Männer „straight acting“ sind, also möglichst heterosexuell auftreten wollen. Steht das in irgendeiner Verbindung zum Song? Was denkst du persönlich darüber?
Direkt vorweg: „Toxic Masculinity“, also überdefinierte, schädlich eingesetzte Männlichkeit ist auf jeden Fall ein Thema. Es ist zwar ein wenig zu einer Art Modewort geworden, aber wenn wir es einmal auf seine eigentliche Bedeutung zurückführen, bedeutet es, dass wir in einer Kultur aufgewachsen sind, die uns vorgegeben hat, dass wir uns auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten haben. Wir preisen Männer und Maskulinität über alles. Manchmal wird vergessen, dass das die queere Community ebenso stark betrifft – wir sind aber ja schließlich unter denselben Bedingungen groß geworden. Viele queere Jugendliche bleiben traumatisiert zurück, durch Erfahrungen, die sie z.B. durch ihr Coming Out gemacht haben, und das in einer Kultur, die ihnen vorgibt, dass sie sich dafür schämen müssen. Dadurch spielen wir diese Traumata auch immer wieder durch, eben auch untereinander. Das schafft viele Probleme, wie zum Beispiel, dass weiblichere Schwule, also „Femmes“, diskriminiert werden. Auch unser Körperbild ist eskaliert und zu diesem hyper-männlichen Image geworden. Das ist unglaublich schädlich. Ehrlich gesagt macht mich das alles ziemlich depressiv, weil der fließende Ansatz der queer Community beim Thema Gender doch eigentlich eine ihrer tollsten Eigenschaften ist. Ich weiß nur einfach nicht, was die Lösung sein soll. Ich glaube, dass wir einfach wachsam bleiben und auf solchen Bullshit aufmerksam machen müssen. Es ist einfach nicht okay.

Wie gehst du mit Situationen um, in denen solche Probleme entstehen? Nehmen wir mal an, ein Freund benutzt unbewusst eine Beleidigung gegenüber jemandem, machst du immer darauf aufmerksam, oder kannst du auch einmal über kleinere Fehler hinwegsehen?
Viele meiner Freunde sind selbst queer und teilen meine Werte und Sichtweisen. Dann aber wiederum hab ich letztens einen Typen getroffen, der sich nicht getraut hat, über Transmenschen zu sprechen, weil er Angst hatte, etwas zu missverstehen oder etwas Falsches zu sagen. Er hatte den Eindruck, dass Transmenschen immer sehr wütend seien. Also dachte ich mir: Das ist eine Möglichkeit, ihm zu helfen und herauszufinden, warum er so denkt. Er hatte noch nicht die Möglichkeit gehabt, sich mit jemandem auseinanderzusetzen, der ihm weiterhelfen und Informationen geben konnte. Es gibt aber schon Situationen, in denen du jemanden nicht „ermahnen“ kannst, aber es ist trotzdem wichtig, das zu tun. Wenn ich zum Beispiel mit Years & Years auf Tour gehe, ist die Sitaution so: Mikey und Emre sind hetero, viele Mitglieder unserer Crew auch, und natürlich gibt es unterbewusste und beiläufige Frauenfeindlichkeit oder Homophobie. Da gab es dann schon mal „Femme“-Shaming oder Witze über Frauen. Am Anfang habe ich mich nie dazu geäußert, bis ich irgendwann genug hatte. Dann habe ich bei jedem kleinen Kommentar etwas gesagt – und jetzt tun sie es gar nicht mehr, zumindest nicht, wenn ich da bin. Ich bin sicher, dass solche Sprüche fallen, wenn ich nicht da bin, aber sie wissen zumindest, dass es nicht passieren sollte. Ich hatte aber auch schon Gespräche mit Crew-Mitgliedern, in denen sie sich entschuldigt haben und sowas gesagt haben wie „Sorry, dass ich das gesagt habe, ich wusste nicht, dass es so verletzend ist.“ Und es ist wichtig, dass diese Gespräche stattfinden, da wir ohne sie nirgendwo hinkommen und nichts verändern.

Du hast auch gesagt, dass du, wenn du alt bist, wie in der Netflix-Serie „Grace und Frankie“ und vielleicht mal in einem Dreier-Pärchen leben willst. Wir haben uns deshalb gefragt: Wer wäre die Grace zu deiner Frankie?
Ich hab totales Glück, ich kenne da schon ein Pärchen: Mein Freund Joe liebt die Serie genau so wie ich und er wäre bei dem Plan auf jeden Fall dabei. Wir haben schon geplant, dass wir in einer queer Community am Strand leben wollen, die ganze Zeit high sind und so weiter. Er würde dann heiraten und sein Ehemann müsste einfach mit der Konstellation klarkommen.

Du wärest dann Frankie, oder? Und dein Freund die Grace?
Ja, ich bin definitiv die Frankie! Er hat Frankie-Vibes in sich, aber er lässt sich keinen Bullshit gefallen, wohingegen ich diese Hippie-Kacke total liebe.

Zum Abschluss: Bevor du mit diesem Album angefangen hast, warst du allein auf Bali und in Taiwan. Was sind deine Top-Tipps für diejenigen von uns, die alleine verreisen und vielleicht nicht so gut allein klarkommen?
Alleine in der Natur zu sein ist so eine besondere Erfahrung. Wenn du Angst davor hast, alleine zu sein, denke ich mir: Hab Angst, mach dich selbst verrückt, erreiche diesen unheimlichen Punkt. Du wirst Dinge über dich herausfinden, die dich überraschen werden. Du bist auf einmal einfallsreicher und unabhängiger als du denkst. Es ist gut, wenn man das über sich selbst weiß, damit man es als Gedanken mit nach Hause nehmen kann. Für mich ist das fast eine „heilige“ Zeit, weil ich ja ständig von Leuten und Lärm umgeben bin. Also, Leute: Lernt euch selbst kennen!

Robin Micha
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