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„Call Me by Your Name“: Wie Armie Hammer die Männlichkeit neu definiert

Es ist keine Frage, ob „Call Me by Your Name“ euch zum Weinen bringen wird, sondern wann und wie sehr – dank Armie Hammer.

Text: Dan Callahan

Es gibt diese „Der Morgen danach“-Szene im neuen Film „Call Me by Your Name“, die auf den sehr raffinierten Flirt zwischen Elio, gespielt von Timothée Chalamet, und Oliver, gespielt von Armie Hammer, folgt. Regisseur Luca Guadagnino zeigt uns nicht viel von dem, was sie im Bett machen – weil es privat und nicht für uns als reine Beobachter bestimmt ist, sondern nur für Oliver und Elio. Aber angesichts ihres Verhaltens am nächsten Morgen bekommen wir eine Ahnung dessen, was sie getan haben könnten.  Elio sitzt auf dem Bett und sieht Oliver leicht geringschätzig an. Es ist die Art von Macho-Blick, die zu sagen scheint: „Okay, ich hatte dich, also was jetzt?“ Luca Guadagnino lässt die Kamera auf Oliver schwenken, dessen Gesicht total offen und verletzlich ist. Oliver weiß, dass Elio sich ein wenig von ihm entfernt hat, und das verwirrt und betrübt ihn. Er versucht zu lächeln, und dieses scheue Lächeln ist eines der herzzerreißendsten Dinge, die ich je in einem Film gesehen habe.

In einem Interview mit „The Guardian“ verriet Armie Hammer kürzlich, dass Guadagnino ihm ein paar Minuten von Debra Wingers Performance in Bernardo Bertoluccis „Himmel über der Wüste“ (1990) gezeigt habe, um ihn für diese Szene zu inspirieren. Und das war eindeutig die ideale Wahl. Als ich diese Nahaufnahme von Oliver sah, wie er versucht zu lächeln, habe ich mich gefragt, wie sowohl Regisseur als auch Schauspieler dieser Anblick von unbeholfenem Schmerz und Verwirrung gelungen ist. Um den sehr maskulinen Armie Hammer dazu zu bringen, etwas Weiches, Verängstigtes und Gebrochenes zu zeigen, präsentierte Guadagnino seinem Schauspieler einige Aufnahmen von Winger – einer sehr betont männlichen Schauspielerin – in denen sie verwirrt und verletzt wirkte.

André Acimans Roman „Call Me by Your Name“ aus dem Jahr 2007 wird aus der Sicht von Elio erzählt – einem Mann, der sich an eine Sommerliebe seiner Jugend zurückerinnert. Oliver, das Objekt seiner Begierde, bleibt bei Elio und seinen Eltern in Italien, um Elios Vater zu assistieren. Da das Buch in der ersten Person geschrieben ist, erfahren wir viele Details über Elios obsessive Gedanken und Gefühle, während Oliver notwendigerweise etwas undurchsichtig bleibt. Aber in Luca Guadagninos Filmversion – die von James Ivory geschrieben wurde und im Jahr 1983 spielt – sind die Sichtweisen von Elio und Oliver ausbalanciert. Und diese Balance wird durch die außerordentlich sensible Art erreicht, mit der Guadagnino die Gesichter und Körpersprachen seiner beiden Hauptdarsteller filmt.

Als wir Oliver zum ersten Mal sehen, steigt er aus einem Auto und macht einen Witz über seine Größe (Armie Hammer selbst ist 1,98 Meter groß). Er geht ungelenk, und seine Stimme hat die übertriebene männliche Aggressivität von Jon Hamms Don Draper in „Mad Men“. Aber als sich Oliver auf Elios Bett fallen lässt, wirkt sein Körper sehr offen und unterwürfig. Und das macht ihn visuell zu Elios Objekt der Begierde. Oliver nennt Elio „Mann“ und „Kumpel“ und sagt „Wir sehen uns“ auf eine sehr männliche Art und Weise, was unfreundlich klingt, weil er sich so entziehen will.

Die Gefühle zwischen Oliver und Elio beginnen mit einer Art oberflächlicher Feindseligkeit. Und Oliver macht einen großen Fehler, als er versucht, sein Interesse an Elio mit einer Berührung der Schulter zu signalisieren, die in einer kurzen Rückenmassage endet. Elio weicht von dieser ungeschickten männlichen Berührung zurück. Im gegenseitigen Umwerben kann eine falsche oder stumpfe Bewegung die Gefühle füreinander verzögern oder sogar zerstören – und dasselbe könnte für einen Film gelten, in dem es um genau dieses Werben und Flirten geht. Luca Guadagnino und seine beiden Hauptdarsteller balancieren hier auf einem Seil ohne Netz. Wenn sie einen falschen Schritt machen, funktioniert der gesamte Film nicht. Und das erzeugt Spannung auf mehreren Ebenen.

Die Sonne und Sinnlichkeit des italienischen Sommers bringen Oliver und Elio wieder auf die richtige Spur. Oliver lässt sich von Elio im Gespräch dominieren, gefolgt von einer bereits jetzt berühmten Tanzszene. Die Mädchen himmeln Oliver an, als er zu „Lady, Lady, Lady“, einem Lied vom „Flashdance“-Soundtrack, tanzt. Die Popmusik der Achtziger ist ein angemessenes Setting für diese Geschichte, weil ein Großteil dieser Musik so offen emotional und extravagant ist.

Die Musik wechselt zum Lied „Love My Way“ von „Psychedelic Furs“, und Oliver lässt sich komplett dazu gehen (diese Tanzszene ist bereits jetzt ein Hit im Internet). Aber Elio schaut Oliver ausdruckslos wie ein Pokerspieler zu, was seinen schlauen Charakter offenbart. Vielleicht verliebt er sich immer mehr in Oliver, während er ihn zu diesem Song tanzen sieht, aber das würde sein Gesicht niemals verraten. Nach einem schnellen Schnitt ist Elio plötzlich mit Oliver auf der Tanzfläche und bewegt sich „sexy“ mit seinen Schultern, was neben Olivers hingebungsvollem Tanz ziemlich verschlossen wirkt. Dies ist das perfekte Bild der Beiden: wer sie sind und wer sie füreinander sein werden.

Nach dem Tanz gibt es einen kurzen Moment, in dem Oliver immer noch steif und staksig geht, aber schließlich viel lockerer, fast mädchenhaft. Er ist dieser große maskuline Typ, dessen Männlichkeit sich als ein Auftritt entpuppt, den er satt hat. Er wäre viel lieber anders und beginnt es auch zu werden, als er und Elio ihre Gefühle füreinander langsam offenbaren. Ungefähr 45 Minuten nach Filmbeginn gibt es einen entscheidenden Moment, in dem Oliver seine „Macho“-Stimme für Elio imitiert, und Elio ihn verspottet. Elio reduziert diese Stimme auf grunzende, sinnlose Geräusche – und das scheint Oliver aus seinem stimmlichen Gefängnis zu befreien. Das kann nur jemand tun, der dich liebt.

In einer großartig inszenierten Szene, in der sie sich schließlich ihre Gefühle füreinander gestehen, umkreisen Oliver und Elio ein Denkmal aus dem Ersten Weltkrieg und tun so, als seien sie Widerstandskämpfer, die eine lebensgefährliche Belagerung planen. „Heißt das, was ich denke, was das heißt?“, fragt Oliver. Die emotionale Gefahr hier ist sehr intensiv. Sie werden ihre Liebe verstecken müssen, aber jeder schlaue Mensch weiß, dass es am besten ist, deine Liebe zu verbergen. Wenn du deine Liebe für eine andere Person zur Schau stellst, könnten die Götter wütend werden. Die Einsätze könnten nicht höher sein, davon lebt die romantische Liebe. Und das ist vielleicht der Grund, warum so viele unserer besten zeitgenössischen Film-Liebesgeschichten, wie „Carol“ (2015) und „Moonlight“ (2016), zwischen Menschen desselben Geschlechts spielen.

Oliver und Elio liegen zusammen im Gras. Elio sagt: „Ich liebe das, Oliver“. Oliver sagt: „Was?“. Elio antwortet: „Alles.“ Dann macht Oliver eine Pause, bevor er sagt: „Du meinst uns?“ Die Art, wie Hammer „Du meinst uns?“ sagt, könnte nicht verstohlener und aufregender sein. Elio küsst Oliver und versucht körperlich die Führung zu übernehmen, doch Oliver hält ihn auf. Da ist zwar ihr Altersunterschied (Elio ist 17 und Oliver 24), aber Oliver scheint hauptsächlich Angst zu haben, es offen mit einem Typen zu tun. Er behandelt Elio so sittlich wie möglich und lässt ihn warten. Nachdem Elio sich eine blutige Nase geholt hat, verpasst Oliver ihm eine Fußmassage und küsst dann mit leidenschaftlichem Blick Elios Fuß.  Das ist vornehme Liebe zwischen zwei sehr schlauen Kerlen. Als sie sich schließlich um Mitternacht treffen, um sich zu lieben, habe ich das Gefühl, dass ich nicht beobachten sollte, was zwischen ihnen geschieht. So intim ist diese Szene. Danach sagt Oliver: „Nenn mich bei meinem Namen, dann nenne ich dich bei meinem“ – was an den Moment in „Wuthering Heights“ erinnert, als Cathy schreit: „Ich bin Heathcliff!“ Beide sind sich vollkommen bewusst, dass ihre Romanze von kurzer Dauer sein wird.

Elios Eltern, Mr. Perlman (Michael Stuhlbarg) und Annella (Amira Casar), scheinen zu wissen, was mit ihrem Sohn und Oliver passiert, aber sie halten sich taktvoll zurück. Annella wirkt zunächst mysteriös, während sie über Elio wacht und ihre Zigaretten raucht. Aber als ich den Film ein zweites Mal gesehen habe, wurde mir klar, dass Annella nicht nur weiß, was passiert, sondern dass sie auch versteht, dass Oliver mehr in ihren Sohn verliebt ist, als Elio in ihm. Amira Casar verkörpert das in Perfektion.  Es ist Annellas Idee, dass Elio und Oliver sich noch einmal aufeinander einlassen sollten. Es gibt wunderschöne Momente zwischen den beiden, als ihnen die Zeit davon läuft, und Oliver sich jeden Moment im Gedächtnis einzuprägen scheint, den er noch mit Elio hat. Alle seine Sinne sind zum Leben erweckt, was sehr süß, sexy und sogar etwas komisch ist. „Das hier!“, weint Oliver in seiner letzten Nacht mit Elio betrunken und mit Nachdruck. „Das hier! Du!“ „Call Me by Your Name“ ist eine großartige Liebesgeschichte. Und es ist auch eine Geschichte darüber, wie sehr Luca Guadagninos Kamera Armie Hammer liebt und ihn als Schauspieler zeigt, der Freude oder innere Unruhe mit nur einem Blick ausdrücken kann.  Die letzten Szenen von „Call Me by Your Name“ sind so ergreifend, dass wahrscheinlich selbst der hartgesottenste Zuschauer weinen wird. Achtung, Spoiler-Alarm! Regisseur Guadagnino beendet seinen Film mit einem Telefonat zwischen Elio und Oliver. Es ist Winter, und Oliver erzählt, dass er heiraten wird. Die letzte Szene ist eine lange Nahaufnahme von Elios Gesicht, wie er ins Feuer starrt und schließlich der Abspann läuft. Er ist zerstört, die Tränen laufen ihm übers Gesicht.

Er lässt eine davon in seinen Mund gleiten, wie Barbara Stanwyck am Ende von „Stella Dallas“ (1937), was zeigt, dass er eine Art Genuss in seinem Schmerz findet. Am Ende dieser Szene sieht Elio sehr wütend aus – und der Film ist vorbei.  Buchautor André Aciman ist mit einer Frau verheiratet, Regisseur Luca Guadagnino ist schwul. Elio und Oliver scheinen beide bisexuell zu sein. Aber Elio wird wahrscheinlich eher zu Frauen tendieren, wenn er älter wird und Oliver vermutlich zu Männern, wenn er das Gefühl hat, dass er es kann. Sie werden nie vergessen, was sie füreinander empfunden haben. Und vielleicht sind ihre Leben genau deshalb ruiniert.  Aber vielleicht ist auch genau das die Aussage von „Call Me By Your Name“ (sowohl des Romans als auch des Films): dass man froh sein kann, wenn das Leben durch eine Liebesbeziehung ruiniert wird. Dass man überhaupt so etwas Intensives spüren durfte. Etwas von dieser Intensität durfte nicht andauern. Aber diese Nahaufnahme, als Oliver zu lächeln versucht, drückt die Trauer über genau diese Erkenntnis so treffend aus, wie ich es noch bei keinem Menschen zuvor gesehen habe.

 


Andrea Zernial
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