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Always Tired: Warum Millennials ständig müde sind

Was früher FOMO war, heißt heute JOMO, kurz: joy of missing out. Und spätestens seit der Rapper Post Malone den Schriftzug „Always Tired“ ins Gesicht tätowiert hat, ist klar: die Millenials sind ständig müde. Doch woher kommt die kollektive Schlaftrunkenheit?

Text: Kristin Iversen

„Oh, Schlaf. Nichts anderes könnte mir jemals eine solche Freude bereiten, eine solche Freiheit, die Kraft zu fühlen und sich zu bewegen, zu denken und zu träumen, beschützt vor dem Elend meines wachen Bewusstseins.“ 
– aus Mein Jahr der Ruhe und Entspannung von Ottessa Moshfegh

Als der 22-jährige Rapper Post Malone Anfang des Monats gefragt wurde, warum er sich „Always Tired“ auf die empfindliche Haut direkt unter seinen Diazepam-blauen Augen tätowieren ließ (Diazepam ist ein Wirkstoff, der in Schlafmitteln verwendet wird), antwortete er: „Ich mache einfach alles, was meine Mom sauer macht.” Neben Lana Del Reys Aussage „Ich wünschte, ich wäre tot” wohl eines der besten Musiker-Zitate aus den letzten Jahren.

Aber während Del Reys Flirt mit dem Tod direkt von Kritikern auseinandergenommen wurde (die die Überspitzung ihrer Aussage einfach nicht verstanden haben), wird Post Malones unbekümmerte Haltung zu seiner Tätowierung mit viel Anerkennung entgegengenommen – und steht symbolisch für eine kulturelle Entwicklung, die uns derzeit betrifft: Wir fühlen uns alle in einem Dämmerzustand gefangen, der uns an unsere Teenagerzeit erinnert. Also an die Zeit, als wir dachten, dass alle Antworten irgendwo unter unserer kuscheligen Nicki-Decke versteckt sind. An die Zeit, als wir unsere Mütter selbst noch gern zur Weißglut getrieben haben. Immer müde zu sein ist also so etwas wie eine Versuchung, sich der Verantwortung zu entziehen, eine Weigerung, überhaupt irgendwas tun zu müssen.

Wenn ihr euch am liebsten genau jetzt einfach gern hinlegen würdet, dann seid euch sicher: Ihr seid nicht allein. Denn Post Malones Tattoo hat einen Diskurs ausgelöst, in dem die Mehrheit dafür plädiert, sich öfter mal ein paar Minuten zusätzlich auf dem Kopfkissen zu gönnen. Im Magazin MEL bezeichnete der Autor Miles Klee das Always-Tired-Tattoo als Verkörperung der Erschöpfung, die die Millennials derzeit durchleben. „Egal, wie viel Schlaf ich bekomme – ich will mehr… Wir scheinen nicht nur an einem unüberwindbaren Schlafdefizit zu leiden, sondern es ist sogar ein lebendiger Charakterzug meines Selbst, dieser Typ zu sein, der sich eigentlich immer für eine Sekunde hinlegen könnte.“ Weiter schreibt Klee: „Mit dieser Needyness nach Schlaf bin ich in guter Gesellschaft.“ Diese Gesellschaft beschränkt sich laut Klee nicht nur auf den Rapper mit dem Gesichts-Tattoo, sondern auf „alle unter 40“. Also auf alle Millennials.

Auch das Geschäft mit der Müdigkeit ist derzeit ziemlich profitabel, man muss sich nur in seinem Instagram-Feed umschauen: Dort verkaufen Firmen wie Casper Matrazen, die einer Wolke gleichen und Firmen wie Brooklinen haben natürlich die passenden, Insta-tauglichen Laken dazu. Was diese auf Millennials ausgerichteten Firmen aber in Wirklichkeit verkaufen, ist ein Lebensgefühl. Und zwar das von jemandem, der am liebsten den ganzen Tag mit seinem Smartphone im Bett verbringen würde. Das gleiche gilt für Wellness-Unternehmen: Die stressabbauenden und energiefördernden „Super-You“-Kapseln von Moon Juice zählen zu den Bestsellern der Marke. Wer bestellen will, kommt auf eine Warteliste. Gwyneth Paltrows Netzwerk Goop treibt es noch ein Stückchen weiter und verkauft Kapseln mit dem Namen „Why Am I So Effing Tired?“. Wer bei Goop nach dem Begriff „müde“ sucht, findet neben Beauty-Produkten gegen müde Augen allerhand Mittelchen zur Bekämpfung der dauernden Schläfrigkeit.

Beide Herangehensweisen sind etwas widersprüchlich: Während der Wellness-Trend uns aus dem Dornröschenschlaf wecken soll, verspricht uns eine neue Schlafzimmerausstattung einen gemütlichen Rückzugsort. Beide richten sich jedoch an unser Leiden namens Erschöpfung. Wir sind überarbeitet und unterbezahlt, dazu überfordern uns schlechte Nachrichten, an denen wir nicht wirklich viel ändern können. Maris Kreizman schrieb über ein solches Paradoxon auf BuzzFeed einen Artikel, in dem sie die Themen Selbsthilfe vs Selbstzerstörung anhand zwei der interessantesten Bücher des Jahres vergleicht: Fische von Melissa Broder und Ottessa Moshfeghs Mein Jahr der Ruhe und Entspannung.

In Anlehnung an Moshfeghs Roman, in dem die namenlose Protagonistin einfach nur schlafen will, stellt Kreizman fest: „Wie ermächtigend ist das Gefühl, ab und zu eine Frau zu sehen, die sich mit aller Kraft an ihre niederträchtigsten Instinkte klammert… Wie selten haben Frauen die Freiheit, sich einfach mal gehen zu lassen?“ Neben der namenlosen, müden Protagonistin gibt es ihre beste Freundin Reva, eine von Selbstoptimierung besessene Frau, die nie genug Schlaf bekommt, die immer vorwärts will, aggressiv und ständig hellwach. Kreizman sieht Reva als Verkörperung der „Tyrannei der ständigen Selbstvervollständigung“. Das Beispiel von Reva macht deutlich, dass die immer wache Selbstfürsorge auch nicht vor der harten Realität der Welt da draußen schützt. Aber was kann das schon?

Vielleicht ja der Schlaf. Denn auch wenn sich ständige Müdigkeit wie das Gegenteil von aktiver Selbstfürsorge anfühlen kann, bedeutet sie trotzdem nicht die Auflösung des Ich, sondern ist vielmehr eine Art Selbsterhaltung. Schlafen kann sich wie ein radikal egozentrischer Akt anfühlen, bei dem wir den Rest der Welt draußen lassen. Eine Zeit, in der wir mit unseren Gedanken allein sind und sie dabei noch nicht einmal unter Kontrolle haben. Es ist die nächste Stufe der Del Rey’schen Langeweile, denn gelangweilt zu sein heißt, dass es kein „Genug“ gibt, während müde sein sagt: Jetzt ist es genug. Beim Schlafen lassen wir die Launen des Lebens hinter uns, auch wenn wir dabei potenziellen Spaß verpassen. Aber sogar Glück kann müde machen, so wie es der Erzähler aus dem Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ anmerkt: Für einen Moment fühlte ich mich fröhlich, aber dann war ich plötzlich total erschöpft.“ Es gibt einen Grund, dass JOMO („joy of missing out“) FOMO ersetzt hat – wir verpassen lieber etwas und verschlafen zwar den Spaß, dafür aber auch den Schmerz.

Aber führt diese Lethargie wirklich zu einem beruhigten Leben? Na ja, scheinbar schon. Das jedenfalls ist die Idee. Denn während uns klar wird, dass wir uns Müdigkeit eigentlich gar nicht leisten können, streben wir trotzdem nach den Momenten des Einfach-mal-nichts-tuns. Ein Zustand, in dem wir unsere Augen schließen können und uns sicher fühlen. In dem wir schlafen können mit dem Wissen im Hinterkopf, dass das einzig schlimme, was uns passieren kann, unsere Mutter ist, die unser Face-Tattoo entdeckt.

Der Zustand ständiger Müdigkeit ist so etwas wie eine verführerischer Akt des Widerstehens. Es fühlt sich fast wie eine radikale Handlung an, auch, wenn das Dauergähnen eigentlich von einem Privileg zeugt – dem Privileg, verzweifeln zu können, zynisch sein zu können, verdammt nochmal romantisch zu sein. Aber natürlich reicht das Verlangen nach Schlaf in Sachen Romantik nicht an das Verlangen nach dem Tod heran, eigentlich nichts erreicht diese Mischung aus Ekstase und Qual. Und doch steckt viel Hoffnung im Wunsch nach der Erholung. Ziel ist das Erreichen eines erhabenen Zustands, in dem wir die Erschöpfung nutzen, um uns selbst mehr Zeit zu geben, uns neu zu ordnen, der Welt besser entgegen treten zu können – und zwar mit wachem Geist. Auch, wenn unser Gesicht vom Kissen faltig geworden ist. Wir sind zwar immer müde, aber wir sind hier. Wir haben vielleicht einmal zu viel auf den Snooze-Button gedrückt. Aber wir werden schon irgendwann wieder aufstehen.

Nylon
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